Es gibt keinen Tod, es gibt nur Leben

Eines Tages bekam ich Besuch von einer Patientin, die mich bat, eine Diagnose stellen zu wollen.
Die Diagnose, welche ich durch meinen Führer Alcar stellen durfte, lautete: „Da ist nichts zu machen, aber du kannst ihr Linderung verschaffen.“
„Wie soll ich ihr das sagen“, dachte ich; doch während ich noch darüber nachdachte, fiel sie mir ins Wort und sagte:
„Ich weiß, was Sie mir sagen werden.“
Ich sah sie an und dachte: „Kennt sie denn ihren Zustand?“
„Die Ärzte“, sagte sie, „haben mich aufgegeben, mehr brauche ich Ihnen nicht zu sagen.“
Es war überwältigend; so viel Mut, um ihre Krankheiten einzugestehen und dieses Schicksal anzunehmen, sah man wenig bei den Menschen,
das erforderte Kraft und Persönlichkeit.
Danach fragte sie mich: „Aber Sie können mir doch wohl ein wenig Linderung verschaffen?“
Ich fragte mich, ob sie hellsehen und hellhören könne, da sie meine Gedanken und meine Diagnose so genau übernommen hatte.
Sie war sicher sensitiv und äußerst empfindsam.
Ich antwortete: „Ich kann Sie nicht in Ihren vorigen Zustand zurückbringen, doch es wird Ihnen ganz gewiss Linderung verschaffen.“
Die Dame begab sich in meine Behandlung. Aber nach zwei Monaten musste ich sie bereits zu Hause behandeln, da es ihr zu anstrengend wurde, sich zu mir zu begeben.
Ihre Krankheit verschlimmerte sich zusehends.
Ich erzählte ihr, dass mein erstes Buch herauskommen würde und sie war die Erste, die es bestellte.
Wie verwundert war ich jedoch, als mein Führer im selben Augenblick sagte: „Sie wird es nicht mehr lesen!"
Seine Worte waren kurz und bündig.
„Nicht mehr lesen“, dachte ich, „dann geht sie also bald hinüber“, denn in zwei Monaten würde mein Buch bereits erscheinen.
Dies war eine sehr merkwürdige Botschaft; sie betraf den Tod meiner Patientin, mit der ich mich so gut angefreundet hatte.
Ich zweifelte jedoch keinen Augenblick an dem, was mein Führer mir gesagt hatte, aber mit ihr sprach ich natürlich nicht darüber.
Jeanne, so hieß sie, war von einem Fortleben überzeugt und wir hatten oft wunderbare Gespräche.
Sie erzählte mir viel über ihr Leben, doch sie kam immer wieder auf das Leben nach dem Tode zurück; dieses hatte ihr innigstes Interesse.
Ich lernte sie als eine starke Persönlichkeit kennen.
Sie war großzügig in ihren Auffassungen, denn im Leben hatte sie gelernt, sich die guten Kräfte anzueignen.
Wenn sie mir über ihr Leben erzählte, war sie wie ein kleines Mädchen, und trotzdem hatte sie die Fünfzig bereits überschritten.
Innerlich trug sie einen großen Schatz, sie war einfach und voller Liebe zu jedermann, der zu ihr kam, sanft im Gefühl und anderen gegenüber hilfsbereit.
„Du weißt nie“, so sagte sie, „wie du sie selbst noch einmal nötig hast, und dem habe ich stets Rechnung getragen.“
Eines Morgens sagte sie: „Wenn ich im Jenseits angelangt bin, dann komme ich dich aus jener Welt besuchen.
Du wirst mich doch sehen, nicht wahr?
Oder glaubst du nicht?“
Ich sagte nichts, lächelte aber und dachte: „Wie kommt ein Mensch, ein Kranker, auf solche Gedanken?“
„Lach nicht, ich komme zur Erde zurück“, fuhr sie fort.
„Fändest du das schön, Jozef?
Stell dir das mal vor, wie schön, wie herrlich es ist, das erleben zu dürfen.
Aber nur“, fügte sie hinzu, „wenn es gestattet ist, denn du kannst dort nicht einfach tun, was du selbst willst.
Ich habe genug darüber gelesen und weiß viel davon, ich kenne die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind.
Wie viele sagen nicht, dass sie wiederkehren werden, aber man hört und sieht sie nicht.
Andere kommen, manifestieren sich bei ihren Angehörigen und sagen, dass sie leben und glücklich sind.
Ja, das Leben dort muss wunderbar sein.
Die Leute sollten tiefer darauf eingehen, doch die meisten haben Angst davor.
Herrlich, dort zu sein, zu wissen, dass du lebst und noch alles von deinem irdischen Leben weißt, findest du nicht?“
„Ja“, sagte ich, „es ist herrlich und es stimmt dich glücklich.“
„Du musst ein gutes Leben geführt haben“, fuhr Jeanne fort, „sonst ist es nicht möglich.
Wie denkst du darüber?“
„Ich denke genauso darüber“, lautete meine Antwort, doch unterdessen dachte ich an andere Dinge.
Denn es waren wunderschöne Worte, die ich hörte, und viele Menschen könnten sich ein Beispiel daran nehmen.
Ich kannte Menschen, die keine nennenswerte Erkrankung hatten, die aber bereits ängstlich waren, dass sie sterben würden.
Jeanne sprach über den Tod wie über einen wahren Freund; in ihr lag eine große Kraft. Das war die Überzeugung vom anderen Leben.
Ich fuhr fort: „Es ist dort so, wie du selbst sagst.
Die Kraft, um zur Erde wiederzukehren, musst du innerlich tragen.
Nicht jeder, der dort ankommt, kann so ohne weiteres mit dem Menschen auf Erden Kontakt aufnehmen.
Das ist eine große Schwierigkeit, und diese haben wir zu überwinden.
Das sind Gesetze, Jeanne, das ist geistiger Besitz, Liebe, die man gegenüber allem Leben, das Gott geschaffen hat, empfinden muss.
Darum können so viele Menschen nicht wiederkehren; sie kannten sich selbst nicht.
Sie werden zwar in der Sphäre der Erde sein, doch kennen und besitzen die Kräfte nicht, um den stofflichen Menschen zu erreichen.
Sie irren in unseren Gefilden umher und warten sehnsüchtig auf den Augenblick, da sie verbunden werden können.
Das ist ein furchtbarer Zustand; darin leben zu müssen, bedeutet viel Kampf, Leid und Schmerz.
Sie glaubten, dass das Leben im Geiste so sein würde wie dieses Leben, doch das ist nicht wahr.
Es ist abhängig von der Ausstrahlung, die man besitzt, und das ist Liebeskraft, Persönlichkeit oder wie du es auch nennen willst.
Es leben im Jenseits Menschen, die nicht einmal wissen, dass sie auf Erden gestorben sind.
Du merkst wohl, wie weit jene Wesen von der Wirklichkeit entfernt sind.
Sie müssen sich erst vorstellen können, dass sie den irdischen Körper abgelegt haben, und das ist sehr schwer.
Oh, wenn die Menschen nur wüssten, wie natürlich das Leben im Jenseits ist, wie reell, wie menschlich; dann würden sie anders leben und sich selbst kennen lernen wollen.
Doch sie leben irdisch, und wer irdisch lebt, kann sich von jenem Leben aus nicht mit einem Menschen auf Erden verbinden.
Aber auch ihnen wird geholfen, dafür gibt es höhere Geister.
Sie sind es, die sie zur Erde begleiten, um sie mit ihren Angehörigen zu verbinden.
Doch um sich aus eigener Kraft verbinden zu können, dazu ist geistiger Besitz erforderlich.“
„Findest du es nicht traurig, Jozef, wenn du nicht einmal weißt, dass du auf Erden gestorben bist?
Das scheint mir etwas Schreckliches zu sein.“
„Das ist es auch, Jeanne, es ist geistige Armut.
Es sind Menschen, die sich selbst vergessen haben und niemals an ein Fortleben gedacht haben.“
„Dann bin ich eine Glückliche, Jozef, denn ich weiß bereits viel darüber und habe nicht einmal Angst vor dem Tode.“
Jeanne war in tiefes Nachdenken versunken und sprach in Gedanken weiter.
„Warum“, hörte ich sie sagen, „warum und weshalb wollen die Menschen nicht überzeugt werden?
Wenn sie vom Tode reden hören, erschaudern sie bereits vor Angst, und es kann doch so schön sein.“
„Was meinst du mit „schön sein“, Jeanne?“
„Ich dachte an diese Welt.
Es könnte hier so schön sein, wenn die Menschen wüssten, ja wüssten, dass sie fortleben würden und sich auf jenes andere Leben abstimmen wollten.
Dann würde es nicht so viel Elend geben, dann gäbe es für jedermann Glück, ein großes und mächtiges Glück, und sie würden ihre Mitmenschen nicht töten und würden alles lieb haben, was lebt.
So stelle ich mir die Erde vor, und daran dachte ich.“
Jeanne war eine Kämpferin für das Gute.
Es waren meine Gedanken, die sie aussprach, und für das Ziel wollte ich mein ganzes Inneres geben.
Ja, dann wäre die Erde schön und wären alle Kinder Gottes.
„O“, fuhr Jeanne fort, „ich weiß nicht, wo ich ankommen werde, ob ich Licht oder Finsternis besitze, aber eins weiß ich, schlecht bin ich nie gewesen.
Ich habe niemandem Böses angetan, jedenfalls nicht bewusst.
Wenn die Leute über mich redeten oder wenn sie mich wütend machten, ging ich fort und störte mich nicht daran.
Dann bleibst du du selbst, siehst du. Und sie können dich nicht begreifen, denn dann bist du ihnen überlegen.
Das habe ich von meiner Mutter gelernt.
Sie war tapfer und weise und empfindsam.
Die Menschen, die das nicht können, müssen es noch lernen.
Aber dieses Lernen ist nicht so einfach, damit vergeht ein halbes Leben, und dann können sie es noch nicht.
Sie regen sich über das Geringste auf, und im Leben dort dürfen wir uns nicht aufregen, denn dort herrscht lediglich Ruhe.
Wenn es dort nicht so wäre, dann würde es nicht wert sein, dass wir lebten.
Nein, Jozef, schlecht bin ich nicht gewesen, zumindest nicht mutwillig.
Doch ein Mensch sündigt, ohne dass du es bemerkst, ist es wahr oder nicht?
Und manchmal sind es sehr große Sünden, die wir gutmachen müssen.
Gott wird schon wissen, wo mein Platz ist.
Jeder Mensch sieht Licht und erhält seinen Platz, wie er gelebt hat.
Er weist sich selbst einen Platz im Jenseits zu.
So fühle ich es, so muss es sein.
Ist es nicht so, Jozef?“
„So ist es, Jeanne.“
Ich fragte mich, wie sie an all jene Weisheit kam.
„Gott kennt“, fuhr ich fort, „alle Menschen.
Nicht einer kann sich verbergen.
Keine Stahlkammern und Gebäude sind dick genug, dass Gott nicht hindurchsieht.
Er kennt all Seine Kinder.“
„Ich finde es so herrlich, dass ich mit dir über diese Dinge sprechen kann. Es langweilt mich nie, und du kannst ununterbrochen darüber reden.
Dann bemerkst du erst, dass du lebst, und fühlst du dein Blut wieder strömen.
„Dem Leben ins Auge sehen“, sagte meine Mutter, „und nicht ängstlich sein, wenn die Dinge nicht so kommen, wie wir es wollen."
Ja, Mutter war klug.
O“, fuhr sie fort, „ich habe keine Angst vor dem Tode, wenn ich auch schon morgen jene unbekannte Reise antreten müsste, je eher, desto lieber!
Auf dieser Erde ist es auch nicht so schön!
Du schuftest Tag und Nacht und du hast nie Ruhe, immer befindest du dich mitten im Elend.
In meinem Leben hat es wenig Sonne gegeben.
Jahrelang trauerte ich Dingen nach, die ich so gern hätte erleben wollen, und die mir trotzdem nicht beschieden waren.
Gottes Wille geschehe.
Daran ist nun einmal nichts zu ändern.
Dann dachte ich stets an Mutters Worte: „Akzeptiere es, Kind, und nimm es wie es ist, es könnte noch tausendmal schlechter sein."
Auch das habe ich gelernt, und Mütterchen sprach die Wahrheit.
Wenn du andere siehst, dann würdest du dein eigenes Elend nicht tauschen wollen.
Was sie besitzen, ist noch mehr Kampf, Schmerz und Elend, als du selbst besitzt.
Du musst dein Kreuz tragen können, andere können dir dabei nicht helfen.
Nicht wahr, Jozef?“
„Du bist tapfer, Jeanne“, sagte ich, „sehr tapfer.“
„Die Leute sehen stets auf andere“, fuhr sie fort, „aber wenn sie wissen, was die anderen haben, dann wollen sie nicht mit ihnen tauschen.
Dann sind sie meistens gleich geheilt.
Die meisten tragen – was ich nie getan habe – all ihr Elend zur Schau.
Jeder soll es wissen, wo sie auch hinkommen erzählen sie von ihrem Kummer.
Trotzdem kann ihnen niemand helfen.
Sie müssen zusehen, dass sie es selbst verarbeiten.
Und das ist auch gut so, denn sonst würde sich einer auf den anderen stützen.
So gehen Leben vorbei, ohne dass man gelebt hat. Wenn du alles über einen anderen weißt, merkst du erst, wie glücklich du noch bist, und du kannst wieder alles tragen, und jenes Tragen ist leichter geworden, ohne dass du es bemerkst.
Dann ist es mit dem Klagen für eine Zeit lang vorbei.
Dann scheint wieder die Sonne, und diese scheint doch schon so bitter wenig im Leben des Menschen.
Es gibt Zeiten, wo du glaubst, du hast es geschafft; aber dann kehrt es wieder zu dir zurück und stürmt alles wieder von vorn auf dich ein und beginnst du erneut zu grübeln.
„Wir sind hier, um zu lernen“, sagte Mutter, „und was du hier lernst, brauchst du bei unserem Herrgott nicht mehr zu lernen."
Findest du sie nicht klug, Jozef?“
„Sehr klug, Jeanne“, gab ich ihr zur Antwort.
„In meinem Leben“, fuhr Jeanne fort, „bin ich stets so gewesen.
Was andere taten, weiß ich nicht, denn ich hatte nie viele Freunde oder Freundinnen.
Wenn die Sonne schien, nutzte ich es aus.
Schon bald kamen dunkle Wolken, die das Licht verfinsterten.
Für mein Mütterchen war es oben im Himmel besser als auf Erden, denn sie war ein guter Mensch.“
„Deine Mutter war eine Philosophin, Jeanne."
„Ja, das war sie; sie hat vielen Menschen geholfen, reichen und armen.
Gelehrt war sie nicht, aber sie besaß Lebensweisheit. Woher sie das alles wusste, weiß ich nicht, doch sie wusste stets Rat, und auf jede Frage bekamst du sofort eine Antwort.
Ich glaube, dass ich viel von ihr geerbt habe, wenn das zumindest möglich ist.
In manchen Dingen bin ich genau wie sie, denn in meinem Charakter sehe ich Eigenschaften, die auch sie besaß.
Für sie bedeutete Sterben nicht, dass man „tot“ war.
Sie sagte: „Dann beginnst du erst zu leben!"
„Es ist ein großer Besitz, wenn die Menschen so denken können“, sprach ich, „denn dann ist das Leben nicht so schwer.
Das ist das große Vertrauen, und das müssen wir besitzen, dann regelt sich alles von selbst.“
„Als meine Mutter hinüberging, Jozef, war ich die Einzige, die sich zu beherrschen wusste.
Meine Brüder und Schwestern hatten den Kopf verloren und waren wie gebrochen.
Ich fasste alles als ein Gesetz auf und sagte zu ihnen: „Wir sehen sie doch wieder."
Aber sie waren nicht so gläubig wie ich und hatten kein Vertrauen.
Für sie war es ein großer Verlust – für mich war es ein kurzer Abschied.
Ja“, setzte Jeanne ihre Gedanken fort, „es ist schon eine große Reise, die du machst, weit, ganz weit weg von der Erde, und dennoch ist es so nahe.
Aber das musst du fühlen, deutlich fühlen, sonst sagt es dir nichts.
Für uns alle kommt einmal die Zeit, und dann heißt es Koffer packen.“
Ich musste über sie lachen, doch sie fuhr fort: „Sonst brauchst du nicht viel dafür.
Es ist die billigste Reise, die du jemals machen kannst, und trotzdem ist es die größte.
Oh, ich liege da und ich denke viel darüber nach. Dann kommen mir eigenartige Dinge in den Sinn und oft träume ich davon.
Manche, so stelle ich mir das vor, gehen durch Täler und über Berge und sehen auf dieser Reise sehr schöne Naturschauspiele, ganz anders, als du sie in deinem eigenen Land siehst.
Wenn sie nicht aufgeregt sind, so können sie es genießen, denn die meisten werden sich selbst wohl verloren haben und haben Angst vor dem, was ihnen bevorsteht.
Manchmal sah ich viele Reisende vor mir, dem einen nach dem anderen bin ich gefolgt.
Darunter sah ich Menschen, die ganz und gar nicht auf die Reise wollten.
Diese sträubten sich, doch sie wurden in den Zug gestoßen und gingen dem Unbekannten entgegen.
Dann sah ich andere, die sehr traurig waren, und diese Traurigkeit kam daher, weil sie so viele Freunde und Geliebte zurückließen.
Vor allem diejenigen, die viele Kinder hatten, wollten nicht, da die Kinder allein zurückblieben.
Ich sah Menschen, die sich wie wilde Bestien aufführten, sie wünschten überhaupt nicht auf Reisen zu gehen.
Es kam auch so unerwartet, siehst du.
Sie blieben lieber zu Hause bei ihrem Gläschen Wein und all den anderen Dingen.
Sie hatten es auch so gut auf dieser Welt, und ich konnte mich da hineindenken.
Wer will schon in unbekannte Gefilde, wenn du es zu Hause so gut hast?
Aber ich sah auch solche, die sofort ihre Koffer packten und auf die Reise gingen.
Zum Beispiel meine eigene Mutter.
Sie grüßte uns alle, und die Reise nahm ihren Anfang.
Ich hoffe nur, dass auch ich so gehen darf, wie sie es tat.
Sie ging in aller Stille, und das war herrlich, o, so schön.
Es war gerade so, als wurde sie in den Zug getragen.
Sie verlangte auch danach. Ich weiß, dass viele da waren, die sie auf ihrer Reise begleiteten.
Ich sah jene unsichtbaren Wesen nicht, aber ich fühlte sie.
Dann sah ich Menschen, die ohne dass sie noch etwas haben sagen können auf die Reise gegangen waren.
Diese waren längst auf dem Weg, bevor die Angehörigen es hörten, die dann natürlich erschraken.
Ja, diese waren traurig, sehr, sehr traurig.“
Plötzlich sagte Jeanne: „Findest du, dass ich sehr viel rede, Jozef?“
„Ganz und gar nicht, Jeanne.“
Danach fuhr sie fort: „Aber vergiss auch nicht, dass es hier niemanden gibt, mit dem ich über all diese Dinge reden kann.
Sie haben Angst davor, und wenn du so allein daliegst, dann geht dir vieles durch den Kopf.
Ich habe Menschen auf die Reise gehen sehen, die vor dunklen Tunneln standen, die ich bereits von weitem sehen konnte.
Dann dachte ich: „Oh, wie schwer werdet ihr es haben." Denn einen anderen Weg sah ich nicht, sie mussten dort durch.
Findest du es nicht verrückt, was ich dir erzähle, Jozef?“
„Nein, Jeanne, ich finde es herrlich.“
„Doch nun das Merkwürdigste von allem.
Meistens träumte ich, und dann sah ich die Menschen vor mir. Und ich wusste stets, wovon ich geträumt hatte.
Ja, ich kannte viele Menschen, die auf die Reise mussten.
Manchmal vernahm ich es bereits einige Tage später und dachte darüber nach, ob das mit meinem Traum zusammenhängen könnte.
Das kann doch nicht sein?
Was hältst du davon?“
„Ich will dir sagen, was ich davon halte.
In erster Linie ist es möglich.
Es sind auferlegte Träume,
Träume, die dir von Intelligenzen, also von Geistern gegeben worden sind.
Ich für meine Person fühle und sehe, dass es nicht anders ist.
Dass du viele Menschen auf die Reise hast gehen sehen, bedeutet, dass man es dir im Voraus durchgeben wollte, also sagen wollte – wodurch du erlebtest, dass sie hinübergehen würden.
Diese Träume sind schon außergewöhnlich, du hättest sie festhalten sollen.“
„Unter denen, die ich hinübergehen sah, waren mehrere Angehörige, und darüber bin ich heftig erschrocken.
Wenn ich auf die Reise gehen muss, dann hoffe ich nur, dass viele Berge um mich herum sind, denn ich liebe die Berge.
Dann steige ich hinauf, und von dort aus sehe ich die ganze Umgebung.
Das ist herrlich!
Schon als Kind kletterte ich auf alles, und dann musste Mutter mich wieder herunterholen, denn ich machte oft halsbrecherische Ausflüge.
Wenn ich dann auf irgendetwas hinaufgeklettert war, erzählte ich Mutter, was ich so zu sehen glaubte.
Ja, das waren schöne Momente, so zusammen mit Mütterchen.
Nein, Jozef, mir ist nicht bange, wenn ich auf die Reise muss.“
„Woher hast du all diese Weisheit, Jeanne, aus Büchern?“
„Nicht alles, aber ich mag die Natur und ich sagte dir bereits, dass ich viel von Mutter gelernt habe.
Ich will dir mal was erzählen, dann weißt du gleich, warum ich keine Angst mehr vor dem Tode habe.
Das meinst du doch, Jozef, he?“
„Ja“, sagte ich, „das meine ich.“
„Früher, als Kind, sah ich sehr viel, aber nachdem ich etwas älter wurde, habe ich nur noch wenig gesehen.
Das, wovon ich dir erzählen möchte, ist vor noch nicht so langer Zeit geschehen.
Damals war ich sehr ängstlich, denn es geschah so unerwartet.
Sie glauben hier zwar, dass ich verrückt bin, oder dass es Halluzinationen sind, doch ich weiß, was ich sah.
Ich halte mich nicht mit Halluzinationen auf, denn ich bin viel zu nüchtern.
Ein Mensch, der nun einmal nicht daran glaubt und selbst nichts sehen kann, denkt, dass du dir etwas einbildest.
Doch höre:
Eine Freundin von mir ist vor einiger Zeit gestorben.
Es war sehr plötzlich, und davon erschrak ich gewaltig, denn einige Tage, bevor sie hinüberging, hatte ich noch mit ihr gesprochen.
Sie hieß Greetje und war eine große Künstlerin.
Du kennst sie, wenn ich ihren Namen nenne.
Sie ist verunglückt.
Ich war durch dieses plötzliche Hinübergehen völlig aus der Fassung und weinte tagelang.
Wie das so kam, dahinter konnte ich nicht kommen.
Ich war von einem Fortleben überzeugt, doch ich konnte die Trauer nicht von mir abschütteln.
Auch hatte ich mehrere Male mit ihr über den Spiritismus gesprochen, denn sie besaß eine Gabe. Sie sah oft sehr deutlich, wenn sie auch nichts davon wissen wollte; wohl auch, weil das Leben sie zu sehr in Anspruch nahm.
Diese Trauer hielt geraume Zeit an.
Manchmal war es etwas leichter für mich, aber dann kam das Leid auf einmal wieder mit aller Heftigkeit auf.
Ich betete viel für Greetje, doch auch das half mir nicht.
Siehst du sie nicht?“, unterbrach Jeanne sich selbst, „ich habe oft das Gefühl, dass sie hier ist.“
„Nein, ich sehe sie nicht, aber ich sehe jemand anders, worüber ich dir gleich erzählen werde.“
Sie fuhr fort: „Eines nachts sah ich Greetje, und darüber erschrak ich gewaltig.
Es war genau vier Uhr morgens, als ich hellwach wurde.
Ich dachte bei mir: „Was ist das, wie kommt es, dass ich hellwach bin?"
Es war etwas Ungewöhnliches, was ich deutlich fühlte.
Als ich so dalag und nachdachte, sah ich sie vor mir stehen.
Dort stand sie, Jozef“; und sie wies mir die Stelle an, wo sie die Erscheinung wahrgenommen hatte.
„Direkt vor meinem Bett!
„Schrecklich“, dachte ich und rief um Hilfe.
Meine Schwester, die nebenan schläft, eilte auf meinen Hilferuf hin herbei und fragte, was mich störte.
„Was hast du“, sagte sie, „du siehst so blass aus!"
Ich zitterte am ganzen Körper.
Als ich mich etwas beruhigt hatte, erzählte ich ihr, was ich gesehen hatte.
Weißt du, wie sie darüber dachte?
„Ach, Kind“, sagte sie, „du bildest dir bloß etwas ein, geh nur ruhig schlafen, ich werde dich zudecken."
Doch ich ließ mir das, was ich gesehen hatte, so nicht nehmen.
„Ich habe nicht geträumt“, sagte ich, „ich war hellwach, ich bin noch nie so wach gewesen.
Dort stand sie!"
Aber meine Schwester sah mich an, als wenn ich selbst Greetje wäre.
Ich wollte sie jedoch nicht verängstigen und sagte nichts mehr.
Aber aus Schlafen, meinte ich, wird nun wohl nicht mehr viel werden, denn ich dachte fortwährend an sie.
Trotzdem muss ich wieder eingeschlafen sein, denn abermals wurde ich plötzlich wach.
Ich dachte sofort an Greetje und an das, was ich gesehen hatte, und richtig, da stand sie zum zweiten Mal vor meinem Bett.
Nun erschrak ich überhaupt nicht und war sehr ruhig.
Sie sah mich an und lächelte mir zu.
Oh, wie herrlich war das, wie glücklich war ich, denn ich fühlte, dass ein großes Glück in mich kam, wie ich es nicht beschreiben könnte.
Im selben Augenblick waren meine Traurigkeit und die Angst vor dem Tode verschwunden.
Ich rieb mir jedoch erst noch einmal die Augen und dachte: „Bist du es, oder bist du es nicht?"
Aber sie war es!
Sie lächelte noch einmal, doch als ich sie bei ihrem Namen nannte, verschwand sie so wie sie gekommen war.
Ich begriff nichts davon, und ich lag da und dachte lange darüber nach.
Ich konnte aber keine Erklärung dafür finden und danach habe ich nichts mehr gesehen.
Erschrak sie, und war es demnach meine Schuld, dass sie so plötzlich wieder verschwand?
Hätte ich sie nicht rufen dürfen?
Weißt du das, Jozef?
Kannst du mir dafür eine Erklärung geben?
„Warum“, so waren meine Gedanken, „zeigt sie sich, um im selben Augenblick wieder zu verschwinden?"
Ich fand das so fremd, denn ich hatte sie vieles zu fragen.
Hätte ich ihren Namen nicht aussprechen dürfen?“
„Hör zu“, sagte ich, „ich will es dir erklären.
Es ist äußerst interessant, was du wahrgenommen hast.
Wenn sich ein Geist manifestiert, so tut dieser es aus eigener Kraft.
Dachtest du, dass du Greetje durch eigene Kraft, also durch die Gabe des Hellsehens sahst?“
Jeanne überlegte und sagte: „Ja, denn ich sah sie schließlich?“
„Eben das will ich dir nun erklären.
Es ist genau umgekehrt, denn Greetje wollte, dass du sie wahrnehmen würdest.
Du sahst also, weil sie es wollte.
Denn warum siehst du sie jetzt nicht?
Besitzt du diese Gabe?
Ja, in geringem Maße, weil du eine Anlage dafür hast.
Aber trotzdem siehst du jetzt nichts, und darum geht es gerade.
Die geistige Welt ist nunmehr unsichtbar für dich, weil du die Gefühlsabstimmung nicht besitzt, welche die Gabe des Hellsehens einschließt, sonst würdest du zu jeder Zeit sehen können.
Leuchtet dir das ein?“
Abermals dachte Jeanne nach und sagte nach einem kurzen Augenblick: „Nein, das begreife ich nicht, ich komme nicht dahinter, denn ich sah sie doch?“
„So höre.
Im selben Augenblick, da du Greetje wahrnahmst, warst du mit ihr verbunden, warst du eins im Gefühl. Du fühltest folglich, was Greetje wollte, das du fühlen solltest, und dadurch konnte sie dich so plötzlich aufwecken.
Während des Schlafes hat Greetje sich mit dir verbunden, doch als du dir die Augen riebst, hätte jene Verbindung bereits unterbrochen sein können, weil du in deinem Gefühlsleben wieder zu dir selbst zurückkehrtest.
Greetje hielt diese Verbindung jedoch aufrecht.
Im Gefühl wart ihr also eins und sie konnte sich manifestieren, wie sie es wollte.
Sie brachte dich in eine höhere geistige Abstimmung, und zwar in die des Hellsehens.
In diesem Zustand kann man nur fühlen, denn indem du zu sprechen begannst und ihren Namen nanntest, kehrtest du in dein eigenes Gedankenleben zurück.
Deine Konzentration war wieder auf dich selbst gerichtet, der Kontakt wurde abgebrochen, und so konntest du nichts mehr wahrnehmen.
Denn warum sahst du sie später nicht mehr?
Du konntest doch hellsehen in diesem Moment?
Du müsstest sie auch jetzt sehen, aber das ist nicht möglich.
Darum ist es meistens genau umgekehrt.
Du hast die Verbindung mit Greetje also selbst abgebrochen.
Die meisten Menschen glauben, dass sie dann hellsehen könnten, aber es ist noch stets keine eigene Gabe.
Es ist herrlich und ein großes Glück, so etwas erleben zu dürfen, wenn du zumindest so etwas magst.
Greetje wird noch lange da gewesen sein, doch sie konnte dich nicht mehr erreichen.
Das war allein in jenem unbewussten Zustand möglich.
Du warst also in dein Tagesbewusstsein zurückgekehrt und für Greetje unerreichbar.
In deinem Schlaf warst du, wie ich schon sagte, mit Greetje im Gefühl eins.
Doch so, wie du Greetje gesehen hast, so sehe ich in meinem Tagesbewusstsein.
Ich kann also stets sehen, und selbst dann nur, wenn mein Führer will, dass ich sehe.
Du siehst, wiederum durch Verbindung.
Wenn die Geister eine Botschaft zu bringen haben, müssen sie es selbst wollen.
Ich öffne mich dann und empfange und gebe durch, was sie mir zu sagen haben.
Sich so richtig öffnen zu können, ist nicht so einfach, doch mein Führer hat es mich gelehrt.
Wenn ich sehe, dann gehe ich in ihr Leben über. Aber Greetje zog dich in ihr Leben, worin sie nunmehr lebt.
Ist es dir nun klar, warum sie nicht wiederkehrte?“
„Ja, nun begreife ich es, Jozef, wie einfach ist es doch.“
„Ich weiß, wie ich sehe, Jeanne, und kenne alle Grade des Hellsehens.
Es gibt sieben Grade, doch der siebte wird von keinem Hellseher auf Erden erreicht.
Darüber gäbe es so viel zu erzählen.“
„Wie schön du mir das erklärt hast.
Ich sehe, fühle und höre, dass es so ist; eine andere Erklärung gibt es nicht.
Und diese Wunder siehst du stets?“
„Jederzeit, Jeanne, und ich kann mir vorstellen, dass du ängstlich warst.
Auch ich hatte Angst, als ich zum ersten Mal meinen Führer sah, und das ist sogar ein sehr hoher Geist.“
„Greetje sah wunderschön aus, sie strahlte ganz und gar, doch es war so unerwartet, als ich sie sah.“
„Die meisten Menschen, die auf diese Weise etwas wahrnehmen, unterbrechen gewöhnlich im selben Augenblick die Verbindung, weil sie trachten, es noch besser sehen zu wollen.
Doch jenes „Bessersehen“ bedeutet folglich, dass sie in ihr eigenes Gefühlsleben zurückkehren, und so brechen sie den Kontakt ab.
Greetje wird damals wahrscheinlich noch eine längere Zeit bei dir geblieben sein, um zu sehen, wie du reagiertest.
So sind unsere Lieben unter uns und der Mensch weiß nichts von ihrer Existenz.
Wie gerne wollten sie alles über jenes schöne und großartige Leben erzählen, in dem sie leben, doch der Mensch ist nicht zu erreichen.
Sie sind unter und in uns, und doch fühlt und sieht der Mensch sie nicht.“
„Greetje hatte sich verjüngt und war schön, ich sah sie als jemanden von dreißig Jahren.
Wenn alle Menschen nur kurz sehen dürften, so würden sie keine Angst mehr vor dem Tode fühlen.
Dann würde sich die Erde verwandeln, weil sie ein besseres Leben führen würden.
Sieh, und darum habe ich keine Angst mehr.
Hat Greetje mir nun die Trübsal genommen?
Wusste sie, dass ich traurig war, und dass ich stets weinte?
Kannst du mir auch das erklären?
Wie gern hätte ich kurz ihre Stimme gehört.
Trotzdem dankte ich Gott, dass ich sie sehen durfte.“
„Ich will es dir erklären.
Es war also Greetje?“
„Ja, niemand anders.“
„Sie muss sich schon lange Zeit vorher mit dir verbunden haben, man kann wohl sagen, von dem Augenblick an, da das Unglück geschah.
Wenn wir hinübergehen, werden wir zuerst an diejenigen denken, die wir am innigsten lieb haben.
Liebesbande verbinden uns, und die geistigen Kräfte werden wir erst in jenem Leben kennen lernen.
Als Greetje in jenem Leben erwachte, wird sie ganz gewiss gefühlt haben, dass du trauertest.
Indem sie es fühlte, zogst du sie zur Erde zurück.“
„Ich?“
„Ja, du.“
„Wie ist das möglich?“
„Du siehst, wie innig Gedankenkräfte sein können, du wirst es später erleben, wenn auch wir in jenes Leben eingehen.
Du störtest ihr Glück, weil du trauertest und mit ihr verbunden warst.
Das ist eine große Behinderung für sie, wenn sie dort ankommen.
Greetje kehrte wieder, doch sah, dass du sie nicht wahrnahmst. Trotzdem versuchte sie deine Trauer in Glück zu verwandeln. Und zwar auf eine Art und Weise, die dir bereits bekannt ist.
Als sie sich folglich zeigte, löste sich aller Kummer auf und kehrtest du in deine eigene Abstimmung zurück.“
„Wie schön das ist, Jozef.“
„Es ist ganz gewiss der Mühe wert, denn diese Dinge haben eine tiefere Bedeutung.
Aber du spürst wohl, dass Tausende von Hinübergegangenen zurückgezogen werden, und wenn sie ihre Lieben besuchen, erleben sie, dass sie sie nicht erreichen können.
Das ist furchtbar, und dann ist ein Leid geboren, so äußerst tief und stark, dass es allein durch den Spiritualismus aufgelöst werden kann.
Darum ist der Spiritualismus heilig und ist es für den Menschen eine große Gnade, diesen von Gott empfangen zu haben.
Der Mensch auf Erden weiß noch so wenig über all diese Gesetze.
Es gab also nur ein Wesen, das wusste, dass du trauertest, und das war Greetje.
Sie wusste es, sie fühlte es; du warst mir ihr eins, also eins im Gefühl.
Wenn Greetje dich nicht hätte erreichen können und du lange in jenem Leid gelebt hättest, dann wäre das Leben unerträglich für dich geworden.
Diejenigen, die fortwährend trauern, gehen zugrunde, und das ist nicht Gottes Absicht, vor allem nicht, wenn der Mensch von einem ewigen Fortleben weiß.“
„Es ist ergreifend schön, Jozef, sie sehen zu können.“
„Das ist es, Jeanne.“
„Wie begnadet du dann doch bist, dass du sie jederzeit sehen kannst.“
„Das bin ich, und ich würde meine Gaben nicht missen wollen, um nichts in der Welt.“
Auf einmal sagte sie: „Was hältst du von mir?“
„Was ich von dir halte?“
„Ja, ich meine von meiner Krankheit.
Ich werde nicht gesund, denn ich weiß, was mir fehlt.
Gegen meine Krankheit ist kein Kraut gewachsen.
Weißt du das auch?“
Sie sah mich scharf an und ich fühlte, dass sie die Wahrheit wissen wollte, doch ich sah auf etwas anderes und tat, als ob es nicht zu mir durchdrang.
„Wie kommt sie auf einmal darauf“, dachte ich.
Ihre Frage war direkt und zu tief greifend für ihren Zustand.
Blitzartig hatte ich alles durchdacht.
Ich durfte es ihr noch nicht sagen, wenn sie auch noch so viel über das Leben nach dem Tode wusste und bereit war zu sterben.
Ich ging also nicht darauf ein und blickte weiterhin in die Richtung, wo ich etwas wahrnahm.
Da fragte sie: „Siehst du etwas?“
„Ja“, sagte ich, „ich sehe eine Intelligenz, eine Frau.
Sie ist schon eine geraume Zeit hier und wartet darauf, dass sie verbunden wird. Ich sah sie bereits, als du zu erzählen begannst und ich glaube, dass du sie kennen wirst, denn du siehst ihr ähnlich.
Ich will sie beschreiben.“
Während ich noch nicht damit fertig war, alle Besonderheiten des Wesens, das ich wahrnahm, zu beschreiben, rief sie bereits aus: „Ach, Mütterchen, bist du hier?
Mütterchen, bist du es wirklich?
Es kann nicht anders sein, das ist meine Mutter.“
Die Erscheinung zeigte mir etwas, worauf Jeanne gleichzeitig sprach: „Hier, Jozef, sieh, hier habe ich es.“
Sie zeigte ein Medaillon, das sie trug, und darin war das Bild ihrer Mutter.
„Wo ist sie, Jozef?"
Jeanne kamen die Tränen in die Augen.
„Ich fühle Mutter, Jozef, sie ist dicht bei mir, kann das sein?
Sagt sie nichts?“
Ich sah, dass der Geist, der ihre Mutter war, seine Arme um sie schlang und sein Kind küsste.
Als ich dies wahrnahm, rief Jeanne plötzlich aus: „Ich fühle sie, Jozef, ich habe das Gefühl, dass sie ihre Arme um mich geschlagen hat, genau wie früher, wenn sie mir einen Kuss gab; ich fühle es auf meiner Wange!“
Ich bebte vor Rührung.
Jeanne war hellfühlend; noch einen Grad höher und sie würde hellsehen können.
Aber auch diese Verbindung wurde abgebrochen, und es folgte nun eine kurze Stille.
Jeanne fühlte die Stille des Geistes, die durch die Wiederkehr ihrer Mutter in sie gekommen war.
Dies alles musste sie erst verarbeiten, doch nach einer kurzen Pause sagte sie völlig unerwartet: „Weißt du, Jozef, welches Gefühl ich habe, jetzt, da meine Mutter und Greetje zu mir kommen?“
„Nein“, sagte ich, doch ich fühlte, was sie sagen wollte.
„Dass ich bald gehe, – sterbe“, fügte sie hinzu.
„Seltsam“, dachte ich, und wiederum durchbohrte sie mich mit ihrem Blick.
Wie zutreffend waren ihre Worte, doch ich widerstand ihrem Blick und fuhr ruhig fort:
„Ach, was soll ich dazu sagen, das hat nicht immer mit dem Tode zu tun.
Angenommen, dass jeder hinübergehen würde, wenn sich die Familienangehörigen manifestierten.
Das ist doch nicht möglich?
Sie sind oft in der Sphäre der Erde und wirken dann hier.“
Aber währenddessen dachte ich: „In diesem Fall ist es wohl, um dich zu holen, denn lange wird es nicht mehr dauern."
Jeanne wurde zu empfänglich.
Sie sprach nicht allein die Wahrheit, sondern sie fühlte die Wahrheit, denn diese lag in ihr.
Sie war jedoch noch nicht zufrieden und sagte: „So, denkst du das?
Ich werde in letzter Zeit so empfänglich.
Manchmal denke ich, dass ich sie sehe, aber dann bin ich bang, dass ich mir etwas einbilde, und das will ich nicht.“
Alcar gab mir zu erkennen, ihr nicht die Wahrheit zu sagen und fortzugehen.
Ich machte mich also fertig und nahm Abschied.
„Es ist doch schon merkwürdig“, dachte ich, „jetzt, da sie die Erde bald verlassen wird, fühlt sie die geistige Welt."
Doch ich kannte all diese Dinge; ich hatte diese Kräfte und Einwirkungen bei vielen anderen wahrnehmen dürfen.
Wenn sie bald ihre große Reise antreten sollten, wie Jeanne das so schön sagen konnte, dann fühlten sie im Geiste und ging ihr Gefühl in jenes Leben über.
So war es nun auch mit ihr.
Die Empfänglichkeit, die sie als Kind schon besaß, und die sie stets in sich getragen hatte, war ihr nun bewusst geworden.
Ich fand sie aber sehr tapfer; ich hörte wenige auf solche Weise sprechen.
Sie hatte keine Angst vor dem Tode, für sie war der Tod ein vertrauter Freund.
An einem anderen Morgen, gleich als ich eintrat, fragte sie: „Du musst mir einmal sagen, Jozef, wenn ich sterbe, bin ich dann sofort von meinem Stoffkörper befreit?“
„Fängst du schon wieder an?
Erst einmal guten Morgen, und dann werden wir wohl weiter sehen."
Und ich behandelte sie zunächst.
Nach der Behandlung kam sie jedoch darauf zurück und fragte: „Nun, was denkst du, bin ich frei?
Ich habe darüber gelesen, siehst du."
Sie sah mich an wie ein Kind und lächelte.
„Fürwahr, eine schöne Frage“, dachte ich.
Diese Frage würde nicht oft von kranken Menschen gestellt werden, denn vom Sterben wollte man nichts hören.
Darum bewunderte ich Jeanne, dass sie sich so gänzlich ergeben konnte.
Darauf sagte ich: „Ja, du bist frei.“
„Weißt du das auf einmal so mir nichts dir nichts?“
Sie sah mich verwundert an und wartete auf Antwort.
„Ich will dir sagen, warum ich es weiß: Weil ich es sehe und fühle.
Bist du nun zufrieden?“
„Nein, noch nicht, ich möchte gerne wissen, warum und woran es liegt, du fühlst schon, was ich meine.“
„So höre.
So, wie ich dein Inneres fühle, deine geistige Abstimmung wahrnehme und deine Ausstrahlung sehe, so sage ich dir, dass du von deinem Stoffkörper befreist bist.“
„He, wie einfach das ist, ich glaubte, dass ich eine lange Geschichte hören würde.
Ich bin aber trotzdem glücklich, denn darüber habe ich die letzten Tage nachgedacht, es hielt mich stets gefangen.
„Angenommen“, dachte ich, „wenn ich nun einmal nicht von meinem Stoffkörper befreit würde!"
Kannst du mir darüber noch mehr erzählen?“
„Darüber habe ich in meinem Buch ausführlich berichtet.“
Ich sah sie an und wollte wissen, wie sie nunmehr reagieren würde.
Aber sie ging nicht darauf ein, wodurch ich fühlte, dass sie mit verschiedenen Problemen beschäftigt war.
Sie war erfüllt von der großen Reise, die sie machen würde und sagte: „Wenn es nur nicht so lange dauert, ich will doch auf die Reise.“
Sie hatte ihre erste Frage schon wieder vergessen und lachte schallend.
Jeanne war groß, sehr stark in ihrem Gefühlsleben.
Sie fuhr fort: „Ich komme bestimmt nicht durch dunkle Tunnel, o nein, ich sehe mich schon in der schönen Natur!
Wenn ich nur nicht so viel leiden muss, dann bin ich bereits dankbar.“
„Du bist ein Schatz“, dachte ich, „ein wahrer lieber Schatz."
In ihr lagen ein sehr fester Glaube und eine tiefe Überzeugung.
Ich würde alles tun, um es ihr so leicht wie möglich zu machen.
Nun fragte sie auf einmal: „Ist dein Buch noch nicht da?“
„Nein, noch nicht, doch es kommt bald heraus.“
„Fein“, sagte sie, „herrlich, dann werde ich lesen.
Es ist hier so schön ruhig.“
Arme Jeanne, sie sollte es nicht mehr lesen.
Es bewegte mich sehr.
„Erzähle mir mal was von deinem Buch, Jozef, willst du?
Oder hast du heute Morgen nicht so viel Zeit?“
Ich hatte mich bereits darauf vorbereitet, um mit ihr reden zu können.
Diese Gespräche, so sagte mein Führer Alcar mir, geben ihr die Kraft, damit sie nachher alles tragen kann. Sie geben ihr einen Halt in den schweren Stunden, die kommen werden, und auch bei ihrer Ankunft in den Sphären.
„Frage mich doch etwas, was du gerne wissen würdest“, sagte ich.
Sie brauchte nicht lange nachzudenken; schon im selben Augenblick fragte sie: „Wenn ich sterbe, sehe ich dann sofort Mutter und Greetje?“
„Ja, du wirst sie sehen.“
„Herrlich, wie froh werde ich sein.
Ich bin sehr neugierig, wie es dort im Jenseits ist.
Werden sie mich erwarten?“
„Es fehlte gerade noch“, dachte ich, „dass sie fragte, ob sie sie holen kämen.“
Ich brauchte ihr jedoch nicht viel zu erzählen, da sie selbst bereits fortfuhr:
„Kannst du wohl glauben, dass ich schon danach verlange?
Was habe ich denn auf dieser Welt?
Nichts!
Stets allein mit meiner Schwester, mit der du über nichts reden kannst.
Dann diese Ruhe, diese unbeschreibliche Ruhe, worüber sie so viel schreiben.
Oh, diese Stille,
hast du sie dort auch gefühlt?
Es ist kaum zu glauben, aber ich fühle dennoch, dass es so sein wird.
Und dann bist du ewig, ewig verbunden!
Jozef, stell dir das nur mal vor.
Du beneidest mich sicher, dass ich hinübergehen werde?“
Jeanne war eine Philosophin, wie weit gingen ihre Gedanken.
Ich kam aus dem Staunen nicht heraus.
Am liebsten würde ich selbst sterben.
Das Schönste, was man mir auf Erden geben könnte, war der Tod.
Aber auch in ihr war diese Kraft.
Und trotzdem war sie nicht in den Sphären gewesen, war sie keine Seherin und besaß sie nicht jene große Verbindung, die ich besaß.
Ich fühlte jedoch, warum sie sich in allem so sicher war.
Sie näherte sich ihrer Reise immer mehr, und je mehr dieser Zeitpunkt nahte, desto empfänglicher wurde sie.
Es war ganz natürlich, so müssten alle Menschen sein; sie sollten sich ergeben, dann wäre der Tod keine Qual, sondern eine Reise in die Ewigkeit.
„Wie wird Mütterchen mich knuddeln, Jozef.“
„Was sagst du?“
„Knuddeln“, wiederholte sie.
„Das ist ein Wort von ihr, ein Wort, wie es viele Menschen haben, um damit etwas Liebes auszudrücken.
Ich werde im Jenseits an einem hohen Berg wohnen, dann kann ich hinauf, wann immer ich will.
Geht das?“
„Auch das ist möglich.
Der Mensch baut sich in den Sphären seine eigene Wohnung.
Damit haben wir bereits auf Erden begonnen, zumindest diejenigen, die sich geistig bereichern wollen.
Andere leben in Finsternis und Kälte und leiden geistige Armut.“
„Davon komme ich dir erzählen, wenn ich einmal dort bin und zu dir wiederkehren darf.
Ich werde dafür beten, Jozef, und ich weiß, dass ich dich erreichen kann; das scheint mir selbst ziemlich leicht zu sein.
Ich empfinde dir gegenüber wie zu einen richtigen Bruder, und weil ich dir gegenüber so empfinde, kann ich dich, wenn ich drüben bin, leicht erreichen.
Es ist, als wenn ich dich mein ganzes Leben gekannt habe, und trotzdem sind es erst wenige Monate.
Du bist so vertraut, so offen, Jozef, du gibst dich gänzlich, du bist wie ein Kind und trotzdem ein großer und erwachsener Mensch.
Oh“, fuhr sie fort, „wenn ich dir erzählen darf, wie ich dort angekommen bin und wie mein Leben im Jenseits und das von Mütterchen und Greetje und vielen anderen ist, dann darf ich gar nicht daran denken, wie groß das Glück sein wird, dies zu erleben.
Ja, dafür werde ich beten, immer nur beten und Gott wird mein Gebet erhören.
Auch bete ich, dass es nicht mehr so lange dauern möge, denn ich verlange sehr nach Mutter und Greetje.“
„Es ist so wunderschön, dass du so ruhig über alles reden kannst.“
„Dafür bin ich Gott bereits dankbar, und ich bin auch sehr froh, dass ich dich kennengelernt habe.“
Jeanne verfiel wieder in tiefes Nachdenken, und als ich sie ergründete sah und spürte ich, dass sie in geistigen Kontakt gekommen war.
„Sahst du es auch?“, fragte sie unerwartet, als wüsste sie, dass ich ihr folgte.
„Ja, ich sah es.“
„Was sahst du, Jozef?“
„Die Ewigkeit.“
„Wirklich, war das die Ewigkeit?
Ich sah ein anderes Land, ein ganz anderes Land als die Erde, und ich sah Licht, ein großes und starkes Licht.
Danach sah ich Menschen, in prächtige Gewänder gekleidet und es war, als schwebten sie.
„Sieh“, dachte ich, „das sind keine irdischen Menschen“ und ich fühlte, dass es Geister waren.
Mein Gott, wie ist das schön.
Wie viel man doch in ein paar Sekunden sehen kann.
Ich fühlte es, als wenn ich dort war und es selbst erlebte.
Fühltest du das auch?
Wie kam das so plötzlich?“
„In dem Augenblick konntest du hellsehen!“
„Jetzt verstehe ich noch besser, was du meintest, als du mir das mit Greetje erklärt hast.
Nun begreife ich es, ich fühle es, ganz tief in mir, da liegt es.
Meine Reise, meine große Reise!“
Ruhig sprach sie Wort für Wort aus, doch in Gedanken starrte sie weiterhin ins Leere.
„Ich werde verständigt, ich fühle es, nein, ich weiß es.
Sie sind dabei, für mich die Koffer zu packen.“
Danach, als erwachte sie, sagte sie: „Was rede ich doch wieder, ich hörte mich selbst!
Was ist das, Jozef?
Komm, erkläre mir das.“
Ich hatte all die Zeit still dagesessen und aufmerksam zugehört, aber unterdessen war ich mit Alcar in Verbindung.
Jeanne sprach in Halbtrance, sie war in das geistige Leben aufgenommen worden und dennoch in ihrem Stoffkleid.
So sprachen viele Medien, und ich kannte diesen Zustand.
„Nun“, sagte sie, „sag doch was.“
„Ich muss erst nachdenken und mich auf meinen Führer einstellen“, sagte ich, doch in Wirklichkeit wusste ich nicht mehr, wie ich ihr die Wahrheit verhehlen konnte.
„Mein Führer hat dich mit den Sphären verbunden, er ließ dich sehen, weil du so tapfer bist.“
Sie war so glücklich wie ein Kind und sprach: „Das ist nett, Jozef!
Lieb von deinem Führer, mir einen Hauch von jenem Großen zu zeigen.
Ich bin sehr froh, sag ihm das mal.
Wie schön ist dann der Tod.
Sollten die Menschen jetzt nicht glücklich sein?
Was will der Mensch noch mehr?
Ist es keine Gnade, dass man dieses Jammertal für immer verlassen darf?
Es ist kaum zu glauben, und trotzdem, ich sah, dass es die Wahrheit ist.
Viele haben Angst; ich aber will gerne hinübergehen.
Ist es nicht herrlich für dich, dass du mit Menschen oder Patienten reden kannst, die keine Angst vor dem Tode haben?
Die bereit sind zu sterben?
Nein, ich habe keine Angst, und findest du das nicht wunderbar? Der Tod stand vor meinem Bett und lächelte mir zu.
Doch der Tod, das waren Mütterchen und Greetje, meine Freundin, meine Schwester!
Wer hat jetzt noch Angst vor dem Tode?
Ich nicht und kein Mensch hätte es, wenn sie all das erleben würden.
Der Tod bedeutet für viele Leid und Schmerz, den Verlust ihres Besitzes, nichts als Elend.
Aber seitdem ich alles weiß, ist das Leben für mich anders und voller geworden und fühle ich die Bedeutung des Lebens auf Erden.
Früher war ich lebend tot.
Geistig war ich in einem unwirklichen Zustand. Nun erst beginne ich zu leben, jetzt, da mein Ende naht.
So sehe ich es, so fühle ich es, Jozef.“
Voller Bewunderung sah ich sie an und Jeanne setzte ihr zutiefst menschliches Gespräch fort.
„Der Tod in der Gestalt von Greetje ist ein teurer Schatz.
Sie, die ich bereits Jahre kannte und die tot ist, stand dort vor meinem Bett und lebte, war jung und schön.
Sie lebte, wie sie vielleicht noch nie gelebt hat.
Sie war wach, ich spürte es deutlich.
Wenn sie wiederkehren kann, kann ich es auch.
Sie wird mir den Weg weisen und ich werde ihn lernen.
Ich werde dich finden, Jozef, ich komme zu dir zurück!“
Sie sah mich an während ihr die Tränen über die Wangen flossen.
„Ich bin so glücklich, so überaus glücklich, dass ich einen Hauch von all dem Großen, das mich erwartet, habe sehen dürfen.
Wie kann ich Gott danken!“
Sie nahm meine beiden Hände und drückte sie herzlich.
„Wenn du gut über den Tod nachdenkst“, begann sie erneut, „bleibt von all seinem Elend nichts mehr übrig.
Der Tod hatte sich verjüngt und war schöner geworden, er kannte mich und nahm allen Kummer von mir.
Die Menschen finden den Tod grausam und hart, weil sie ihn nicht kennen.
Aber ich kenne ihn nun und werde ihn bald gänzlich kennen, doch in anderer Schönheit.
Wie großartig ist alles, Jozef. Aber das Schönste von allem ist wohl, dass diejenigen, die tot sind, mehr wissen als wir, die wir leben.“
„Bald wird sie dort sein“, dachte ich.
Noch einige Wochen und mein Buch würde herauskommen.
Sie jedenfalls sollte es nicht mehr lesen?
Als ich daran dachte, stellte sie plötzlich eine Frage, eine Frage, über die ich heftig erschrak: „Ist es möglich, Jozef, dass ich den Probedruck lese?“
„Den Probedruck?“, wiederholte ich ihre Frage, „wie kommst du auf einmal darauf?“
„Ich dachte gerade daran.“
Wie empfänglich sie wurde.
Es waren schließlich die Gedanken, die sie von mir übernommen hatte.
Jeanne fuhr fort: „Ich dachte, wenn ich nun einmal bald hinübergehe, kann ich dein Buch nicht mehr lesen.
Vielleicht sind die Drucker dann so weit, dass ich den Probedruck lesen kann.
Sind sie noch nicht so weit?“
Ich musste mit all meinen Kräften versuchen, meine inneren Gefühle zu verbergen.
Jeanne war ein hellsehendes, hellhörendes und hellfühlendes Medium geworden.
Der Tod, der Übergang in die geistige Welt, war die treibende Kraft für diese Gaben.
Das Sterben führte sie empor, weil sie innerlich wollte, wodurch sie das neue Leben fühlte und sah.
Es war merkwürdig, aber dann war ihr Ende wohl sehr nahe.
Die Drucker waren fast fertig.
Noch vierzehn Tage und sie würde das Werk lesen können.
„Nein“, sprach ich, „sie sind noch nicht so weit.“
„Schade“ war alles, was sie sagte.
Es war, als fühlte sie, dass ihr Ende nahte.
„Siehst du Greetje oder Mütterchen nicht?“
„Nein, im Augenblick sehe ich nichts.“
„Wie gelangen sie zur Erde, Jozef?
Geht das von selbst?“
„Durch Gedankenkraft“, sagte ich.
„Indem du also willst, gelangst du von selbst an den Punkt, wonach du verlangst?“
„So ist es, doch es gibt noch andere Dinge und Gesetze, die wir bei unserer Ankunft dort zu lernen haben.“
„Oh, das dachte ich schon“, sagte sie darauf, „denn sonst schien es mir zu einfach.“
„Erstaunlich scharfsinnig bist du“, dachte ich.
„Aber auch das weiß ich, Jozef.“
„So, weißt du das auch?
Was weißt du?“
„Wie sie sich fortbewegen.“
„He, wie kommst du darauf?“
„Das habe ich einmal erlebt.
Hör zu, wenn ich schneller wollte, dann wollte ich es, und dann ging es von selbst.
In meinem Traum schwebte ich über Berge und Täler und war mir allem bewusst.
Kommt das nun dadurch, weil ich die Berge so sehr liebe?
Ich ging so schnell wie der Wind.
Ist das möglich?
War ich ausgetreten?“
„Ja, das ist möglich.“
„Sollte das gehen?“
„Jeder Mensch tritt aus, bewusst oder unbewusst.“
„Aber ich träumte doch, Jozef?“
„Das denkst du, doch du warst in den Sphären, und zwar bewusst.
Viele Menschen sind nachts in den Sphären.
Oft hörst du dann, wenn sie morgens wach werden, dass sie mit Familienangehörigen gesprochen haben, die doch längst gestorben sind.
Sie können sich an alles erinnern und erzählen von Schönheit und Glück; trotzdem nehmen sie es nicht an.
Das irdische Leben beansprucht sie, und dann gehen die geistigen Kräfte verloren.
Jene Träume sind meistens Austritte, doch es gibt auch Wunschträume.
Zum Beispiel, wie du selbst sagst, dass du die Berge so liebst.
Das kannst du geistig erleben, ohne dass du ausgetreten bist.
Dann bist und bleibst du mit deinem Stoffkörper verbunden, aber im Geiste machst du große Reisen.“
„Da fällt mir noch ein sehr schöner Traum ein, Jozef.
Eines Nachts träumte ich, dass Mutter zu mir sagte, dass ich zu einem Arzt gehen solle, und dass ich damit nicht zu lange warten sollte.
Als ich morgens erwachte, war das Erste, woran ich dachte, mein Traum.
Trotzdem ging ich nicht, da ich mir selbst nicht glaubte, denn ich fühlte mich nicht krank.
Ich hatte zwar Schmerzen, aber es war nicht die Mühe wert, um dafür zu einem Arzt zu gehen.
Doch stell dir vor, einige Tage später träumte ich wieder dasselbe. Mutter sagte, als wenn sie noch auf Erden wäre und mit mir sprechen würde: „Kind, geh nun zum Arzt, sonst musst du operiert werden."
Ich erschrak heftig und war auf der Stelle hellwach.
Am selben Tag ging ich zum Arzt.
Was, glaubst du, dass er zu mir sagte?
„Sie kommen gerade noch rechtzeitig, sonst hätten Sie sich operieren lassen müssen."
Wie findest du das?“
„Großartig, Jeanne.“
„War dies nun ein Traum, war es Mutter oder war es ein Austritt?“
„Es war deine Mutter, sie gab dir die geistige Wahrheit. Doch nicht durch Austritt.
Sie wollte nicht das Risiko laufen, dass du es am Morgen beim Erwachen wieder vergessen würdest.
Sie wirkte bewusst auf dich ein und legte die Kenntnis in dich, führte mit dir ein geistiges Gespräch und ließ dich darauf erwachen.
Du wurdest wach und wusstest, dass es deine Mutter war; du verspürtest Angst, und all das bewirkte der Geist deiner Mutter.
Sie ließ dich all dies erleben, genau wie Greetje es tat.
Du hast schon wunderliche Dinge erlebt, Jeanne.“
„Ja, das habe ich.
Mutter warnte mich vor noch mehr Dingen.
Eines Morgens wollte ich im Vorderzimmer aufräumen, als ich, ehe ich die Tür öffnete, sagen hörte: „Geh nicht hinein."
Ich blieb stocksteif stehen, denn ich hörte am Klang der Stimme, dass es Mutter war.
Ich sah sie jedoch nicht, wie sehr ich mich auch anstrengte, doch die Stimme deiner Mutter erkennst du aus Tausenden.
„Warum nicht“, dachte ich?
Nun konnte ich auch noch durch einen kleinen Gang in dieses Zimmer gelangen.
Das tat ich, und als ich eintrat sah ich es sofort.
Über der Tür hing ein schweres Gemälde.
Es lehnte auf der Tür, und wenn ich von der anderen Seite hineingegangen wäre, hätte ich das Gemälde auf den Kopf bekommen.
Ist das nicht wunderlich?“
„Du bist wundervoll beschützt worden.“
„Nun weiß ich auch, wann die Dinge zu mir zurückkehrten.
Es war zu der Zeit, als ich zu kränkeln begann.“
„Sehr gut“, dachte ich, „Leid und Schmerz, Krankheit und andere Phänomene, die machen den Menschen empfänglich.“
„Wenn ich so nachdenke, habe ich doch noch eine Menge erlebt.
Ich konnte es also hören, Jozef, weil Mutter mich erreichen konnte, sonst hätte ich das Gemälde ganz gewiss auf meinen Kopf bekommen, nicht wahr?“
„Ja, du warst zu erreichen.
Deine Mutter wirkte auf dich ein, und das ist ihr vollkommen gelungen.“
„Du scheinst ja ein Philosoph zu sein, so wie du mir alles erklärst.“
„Und du“, fügte ich hinzu, „bist wissbegierig.“
Jeanne lachte und ich machte mich bereit, um aufzubrechen.
„Gehst du fort, Jozef?
Ach, dann muss ich wieder zwei Tage warten.“
„Ja, ich muss fort, es gibt noch mehr Menschen, die mich nötig haben.“
Dieser Abschied war schwer; auch Jeanne spürte es.
Sie sah mich an, sagte aber nichts, doch ich wusste, woran sie dachte, da ich mich in sie einfühlte.
Kein Wort wurde mehr gesprochen.
Um sie herum lag der Tod, auf den sie wartete.
Wir beide fühlten es.
Als ich das nächste Mal zu ihr kam, sah ich auf der Stelle, dass ihr Ende nahte.
Auf ihrem Angesicht lag der Tod, ihr Freund, den sie bald kennen lernen würde.
Geistig war sie sich allem bewusst, und sie begann gleich wieder Fragen zu stellen.
„Wir sprachen neulich über Träume, nicht wahr?
Kurz bevor du fortgingst, sagte ich, dass ich wüsste, wann es zu mir zurückgekehrt sei.
Weißt du das noch?“
Ich schloss daraus, dass sie tagaus, tagein dalag und an all diese Dinge dachte, und ich fragte sie: „Was willst du damit sagen?“
„Ich will wissen, wie das möglich ist.“
Sie war sehr scharfsinnig in ihren Fragen, doch mein Führer mahnte mich, sie nicht mehr zu ermüden und bald fortzugehen.
Sie wüsste nun genug!
„Nun, sagst du nichts?“
„Du bist ungeduldig, Jeanne, ich muss erst nachdenken.“
In Wirklichkeit war ich mit meinem Führer in Kontakt, wovon sie allerdings nichts hörte oder sah.
„Dass du viel geträumt hast, kommt daher, weil du krank bist, dann wird der Mensch empfänglich, doch allein dann, wenn man das geistige Leben kennen lernen will.
Je empfänglicher der Mensch ist, desto mehr nimmt er im Geiste wahr, wenn er sich auf das geistige Leben einstellt.
Erst wenn man einen Lieben verloren hat, dann gewinnt der Spiritualismus an Wert; zuvor war es Unsinn.
Ich erlebe das oft, wenn die Leute zu mir kommen, sehr oft.
Dann kannst du ihnen nicht genug über das Leben nach dem Tode erzählen, sie wollen alles darüber wissen.
Erst dann lesen sie geistige Bücher und gehen tiefer darauf ein.
Dann sind ihre Herzen gebrochen und sind sie zu erreichen.
Je mehr Kampf, je mehr Krankheit, Leid und Schmerz der Mensch also erhält, desto empfänglicher wird er, wie schrecklich es auch sein mag.
Fühlst du, was ich meine?“
„Ja, ich begreife es.“
„Erst wenn der Mensch auf seinen Besitz verzichten könnte, dann lebte er so, wie Gott es will.
Tut er das nicht, so fühlt er den Kampf, und oft geht er daran zugrunde.“
„Dann kann ich mich selbst beglückwünschen“, sagte Jeanne, „ich hänge nicht am Besitz.“
Als ich das nächste Mal zu ihr kam, hatte der Hausarzt mit ihr besprochen, sie in ein Krankenhaus aufnehmen zu lassen.
Damit war alles gesagt.
Wie hatte ich sie lieb gewonnen!
Sie war meine Schwester geworden.
Ich blieb eine Zeit lang bei ihr; wir beide fühlten die Stille des Geistes.
Sie sprach kein Wort, aber ihre Augen baten um Kraft.
Mit ihrer Hand in der meinen betete ich zu Gott, dass sie bald hinübergehen möge.
Regungslos, mit schneeweißem Antlitz, die Spuren des nahenden Todes auf ihren Lippen, blickte sie in den Ehrfurcht gebietenden Raum, aus dem sie ein Lichtstrahl beschien.
Ihre Lebhaftigkeit hatte sie bereits verloren, ihr Leben auf Erden ging zu Ende.
Dies war ein reines Hinübergehen, ein geistiges Sich-Ihm-Ergeben, den man Gott nannte.
„In Deine Hände befehle ich meinen Geist!"
Dieser Gedanke kam in mir auf.
War es auch der ihre?
Dachte sie daran?
Das große Problem hatte begonnen, sich zu offenbaren.
Mensch, Mensch der Erde, weißt du, dass du ewig lebst?
Fühlst du, dass wir einst vor Gottes heiligem Thron erscheinen werden?
Dass wir nackt dastehen werden, sodass jeder sehen wird wie wir sind, wie wir fühlen?
Ein Kind Gottes sollte nunmehr hinübergehen; lange brauchte sie nicht zu warten, ihre Koffer waren bereits gepackt.
Jeanne war eingeschlummert, und ich ging lautlos fort.
„Lebe wohl, kleines Mädchen, leb wohl“, sagte ich in Gedanken, „grüße meine Freunde in den Sphären, bald wirst du Mütterchen und Greetje sehen, beide in Glück und ewiger Schönheit.“
Meine Aufgabe war zu Ende.
Einige Tage später kam ihre Schwester mich besuchen.
„Wollen Sie ihr noch einen Besuch abstatten? Sie fragt nach Ihnen.“
„Gerne“, sagte ich, „ich werde sie morgen besuchen.“
„Mit ihr ist es erstaunlich bergab gegangen, Sie werden sie nicht wieder erkennen.“
Am nächsten Tag ging ich zu ihr.
Jeanne war bereits bewusstlos und ihre Augen waren gebrochen.
Ich fand es herrlich, dass ich so viel mit ihr hatte sprechen dürfen.
Das würde eine große Stütze sein, wenn sie in das Leben im Jenseits eingehen würde.
In ihr lag jenes Wissen, es war die Ruhe für ihr geistiges Leben.
Sie lebte bereits im Unbekannten, im Geiste, weit von der Erde entfernt, dort, wo Greetje und ihre Mutter lebten.
„Wo mag sie nunmehr weilen?“, dachte ich.
Vielleicht hörte und sah sie bereits im Geiste.
Das Sterben war doch wohl etwas Wunderbares, wenn man wusste, wohin man ging.
Der Tod lag in ihren Augen, diese hatten ihren Glanz verloren, die Kraft, die früher aus ihren Augen strahlte war ins Nichts gesunken.
Blitzartig erinnerte ich mich an alle Gespräche.
Wie herrlich waren jene Augenblicke gewesen; wie stark war sie, und wie traute sie sich über den Tod zu sprechen!
Sie hatte keine Träne der Trauer oder der Angst fließen lassen.
Jeanne war ein großes Wesen, und ich war froh, dass ich sie kennen lernen durfte.
An ihr konnte man sich ein Beispiel nehmen, ich würde sie mein ganzes Leben nicht vergessen.
Sie würde zu jenen Höhen schweben, jenen unergründlichen Höhen, die sie so sehr liebte.
Der Tod machte ihren Körper unkenntlich, doch gab ihr ein ewiges Gewand, und jenes Ewige würde stets schöner werden.
Da lag sie nun, die Plauderin!
Wenn sie mich hörte, würde sie selbst darüber lachen.
Für sie und für mich gab es keine Trauer, kein Leid, keinen Schmerz und kein Elend.
Jeanne ging zu einem Fest, sie machte eine wunderschöne Reise, ich aber musste noch warten.
Wie gerne wäre ich mit ihr mitgegangen!
Oh, wie groß empfand ich das Glück derer, die auf diese Weise hinübergehen durften.
Ich fasste ihre kleine Hand, die sie mir kürzlich noch so herzlich und voller Freude gereicht hatte.
Diese war kalt, sodass sie offenbar bald sterben würde.
Ich konzentrierte mich auf sie und fühlte, dass sie tief eingeschlafen war.
Ich konnte sie nicht mehr finden, sie war im Geiste weit von mir entfernt.
Ihre Schwester weinte, denn für sie starb Jeanne.
Welch ein Unterschied an geistigem Besitz.
Sie stammten von ein und derselben Mutter und waren dennoch so weit von einander entfernt.
Ich sah, dass mein Führer Alcar neben mir stand.
„Nun kann ich nicht mehr mit ihr sprechen“, dachte ich.
„Wie schade, dass ich nicht eher gegangen bin." Aber ich hatte mich nicht freimachen können,
andere Kranke hatten meine Hilfe nötig.
Ich machte mir keinen Vorwurf, weil ich doch bereits Abschied von ihr genommen hatte.
So stand ich einige Minuten in Gedanken da, als ich meinen Führer sagen hörte, dass ich mich auf ihn konzentrieren solle.
Ich tat, was Alcar wollte und hörte nun: „Ich werde dich mit ihr verbinden."
Im selben Augenblick fühlte ich, dass ich wegsackte.
Wohin würde ich gehen?
Es war mir nicht bekannt, wohin mein Führer mich führte.
Ich begriff nichts davon.
Nun fühlte ich etwas sehr Merkwürdiges.
Ich wusste, dass ich Jeannes Hand in der meinen hielt, dass ich neben ihrem Bett stand und dass rechts von mir ihre Schwester saß.
Es war so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte.
Doch ich fühlte, dass ich versank, im Gefühl immer nur versank, und dass ich in jene Welt kam, in der Jeanne nunmehr weilte.
Im Geiste näherte ich mich ihr, dies war etwas sehr Ungewöhnliches; etwas Derartiges hatte ich noch nicht erlebt.
Oder bildete ich mir nur etwas ein?
Waren es keine Halluzinationen?
Aber ich war mir doch allem bewusst.
Ich meinte Jeanne zu fühlen und es war, als wenn ich dicht bei ihr wäre; genauso wie früher, wenn ich sie besuchen kam.
Es war etwas Mächtiges, etwas Übernatürliches.
Ich lernte Gesetze kennen, von denen ich selbst nie gehört hatte.
Dies war etwas Wundersames.
Auf Erden kannte man diese Kräfte nicht, das wusste ich ganz sicher.
Nun hörte ich Alcar sagen: „Hör zu, mein Junge.
Es sind keine Halluzinationen, keine Hirngespinste, keine eigenen Gedanken, sondern ich werde dich mit Jeanne verbinden, sodass du, verstehe mich recht, wenn sie auch für die Erde in einem bewusstlosen Zustand ist, dennoch mit ihr sprechen kannst.“
„Sprechen, sagst du?“, fragte ich verwundert.
„Sprechen, Jozef.
Dem irdischen Menschen ist dies nicht möglich, aber durch meine Hilfe, also durch unsere Kraft, kannst du sogleich mit Jeanne sprechen.
Jeanne lebt, Jeanne bleibt am Leben, und weil sie lebt, ist es möglich mit ihr zu sprechen. Wenn sie auch weit von ihrem irdischen Bewusstsein entfernt ist.“
Mir fehlten die Worte, das alles war zu tiefsinnig für mich.
„Ich kann dich nun blitzartig verbinden“, hörte ich Alcar sagen, „doch ich wollte, dass du all diese Übergänge und die Tiefe ihres Schlafes erleben würdest.
Ihr Geisteskörper lebt bereits im Geiste, und weil ich an dieser Seite lebe und ihre Abstimmung kenne, kann ich dich mit ihr verbinden.
Nochmals, dieses Wunder ist allein durch geistige Einwirkung von unserer Seite aus zustande zu bringen.
Ich will dir hierdurch gleichzeitig klarmachen, dass es im Grunde genommen eigentlich keine Bewusstlosigkeit gibt.
Ihre Bewusstlosigkeit bedeutet, dass sie in das geistige Leben eingeht.
Die treibende Kraft hat also den Stoffkörper verlassen, sie lebt an dieser Seite fort und ist der Geisteskörper.
Jeanne befindet sich in einem für sie unbekannten Zustand. Doch ich sehe worin sie lebt und kenne all diese Gesetze.
Bald wird sie diese Abstimmung sehen, wenn sie in diesem Leben bewusst wird.“
„Ach, wie herrlich ist das“, dachte ich, „zu tief für den menschlichen Begriff; dies kann ein Mensch nicht erfassen.“
„Aber dennoch Wirklichkeit und Natur“, hörte ich Alcar sagen.
„In uns liegen all diese Gesetze, wir sind es selbst; es sind Liebeskräfte, die der Mensch besitzt.“
Nun fühlte ich, wie eine tiefe Ruhe in mich kam.
Es war dieselbe Ruhe des Geistes, die ich im Jenseits fühlte, wenn ich mit meinem Führer in den Sphären weilte.
Trotzdem war Jeanne noch mit ihrem Stoffkörper verbunden.
Wenn dieser Faden, es war, wie ich deutlich wahrnahm, ein leuchtender silberner Faden, risse, würde sie sterben und ihren Stoffkörper verlassen können; eher war dies nicht möglich.
Dann erst war sie für die Erde gestorben, und nun begriff ich die ganze Bedeutung des großen Problems.
Nun fühlte ich, wie ein sanftes Verlangen in mich kam, und als ich mich auf Jeanne konzentrierte, wusste ich, dass es von ihr herrührte.
Jeanne war in Gedanken an mich eingeschlafen.
Wie wunderbar, wie herrlich war dieses Geschehen.
Für die Erde – für ihre Schwestern und Brüder – war sie bereits unerreichbar.
Wer wusste jemals, woran Sterbende dachten?
Ich durfte dies jedoch erfahren.
Ich lernte Wunder im Geiste kennen, und sie wurden mir erklärt.
Der Abstand wurde immer kleiner und ich fühlte, dass Jeanne in mich kam, wir wurden geistig verbunden.
Ich fühlte sie, ich war eins in Seele und Geist.
Ob sie mich auch fühlte, das wusste ich nicht.
Dann kam ein großes Glück in mich.
Es war wie die aufgehende Sonne, ein Erwachen im Geiste, das Auferstehen einer Toten, deren Leben – durch hohe geistige Kräfte, die darauf einwirkten – von neuem zu erwachen begann.
Das war Alcar, mein geistiger Führer.
Jeanne war glücklich, sie fühlte mich auch. Und nun geschah das größte Wunder von allem, was ich vielleicht jemals durch meine Gaben erleben werde.
In dieser unsagbaren Stille hörte ich Alcar sagen: „Nun Acht geben, Jozef, ich werde dich verbinden.
Du wirst mit ihr sprechen können.“
Plötzlich fühlte ich, wie es in mir sprach und hörte eine Stimme sagen: „Bist du gekommen, Jozef?"
Es war die Stimme eines Kindes, und es bewegte mich tief.
„Ja“, signalisierte ich ihr, „ich bin es, Jeanne."
Es war, als wenn Jeanne von hinter einem Schleier aus zu mir sprach; der Klang ihrer Stimme war ein sanftes Flüstern, das ich fühlte und verstand.
Nun hörte ich Alcar sagen: „Es ist dieselbe Kraft, die wirkte, als du aus großer Entfernung mit deinem Stoffkörper sprachst.“
Nunmehr begriff ich es; ich hatte es bereits erlebt.
Ich fühlte Jeannes Stimme.
Sie sprach wie die Geister miteinander sprachen, es war die geistige Sprache, die sie nun bereits kannte und anwendete.
„Wie wundersam ist dieses große Geschehen“, dachte ich.
Nun fühlte ich, dass sie gänzlich in mich kam, wir waren eins in der Seele, eins in Gedanken.
Ich sah sie vor mir und der Schleier, den ich soeben noch wahrgenommen hatte, wurde entfernt.
Ich sah sie in strahlender Schönheit, denn ihr Geisteskörper verwandelte sich bereits.
Jeanne ging in den Geist über, und durch ihr gutes irdisches Leben, durch die Liebe, die sie in sich trug und empfand, nahm der Geisteskörper jene herrliche Ausstrahlung an.
Die Worte, die nun in mich kamen, nahmen mir schier den Atem.
Jeanne sagte: „Nun werde ich sterben, Jozef, ich bin dabei.
Nun gehe ich auf die Reise, meine Koffer sind bereits gepackt.“
„O mein Gott“, dachte ich, „wer wird jemals glauben können, dass ich das erlebt habe?"
Ich bebte, doch nicht weil sie hinüberging, sondern weil ich es sie selbst sagen hörte und sie sich folglich dessen bewusst war.
Hierfür konnte man keine Worte finden.
„Geh“, sagte ich, nicht wissend, was ich sagen sollte, „geh, liebe Jeanne, möge Gott dich auf deiner Reise begleiten.
Ich werde dich niemals vergessen; wir sind auf ewig Bruder und Schwester geworden.“
Darauf wurde es noch stiller, und in jener Stille fühlte ich, dass Jeanne sich von mir entfernte.
Ich hörte und sah nichts mehr von ihr.
Doch danach – es hatte eine Weile gedauert – kehrte sie zu mir zurück und sagte: „Bist du noch da?
Ich fühlte, dass ich wieder in Schlaf fiel, denn ich bin so müde, aber ich wurde trotzdem wieder wach.
Weißt du, was das ist?“
„Die alte Jeanne“, dachte ich, wie rührte mich ihre Frage.
Ich fühlte dies alles, weil mein Führer es in mich legte, und ich sagte zu ihr: „Mein Führer Alcar ließ mich spüren, dass wir durch seine Kraft miteinander verbunden sind.
Alcar konzentrierte sich auf etwas anderes und du kehrtest in deinen vorherigen Zustand zurück.“
Jeanne sagte nichts darauf, doch einen Augenblick später: „Jozef, ich sah Greetje und Mütterchen, sie kommen mich holen.“
Hierdurch war ich so erstaunt, dass ich nichts mehr sagen konnte.
Da fragte Jeanne: „Warum sagst du nichts?“
Durch all dies bewegt, sagte ich bebend: „Du bist ein Wunder, Jeanne.“
„So, meinst du?
Nein“, hörte ich, „das bin ich nicht.
Dort, jenes große Licht, das ist das Wunder.“
Danach sprach Jeanne noch: „Ich schlief, Jozef.
Weißt du, wer mich aufweckte?“
„Mein Führer, Jeanne.“
Alcar ließ mich nun fühlen, dass ich in mein Tagesbewusstsein zurückkehren würde.
„Wir dürfen sie nicht zu sehr ermüden, sie braucht ihre Kräfte.“
Darauf sagte ich: „Gute Reise, Jeanne“, und ich fühlte, dass ich blitzartig zurückkehrte.
Gleichzeitig fühlte ich, dass Jeanne noch sprechen wollte, doch ich war nicht mehr zu erreichen.
Neben ihrem Körper wurde ich wach.
Alles war so, wie ich es im Geiste verlassen hatte.
Binnen einer Viertelstunde hatte ich eine Ewigkeit durchgemacht.
Nun erlebte ich ein anderes Wunder.
Jeanne hatte noch etwas sagen wollen, aber ich war bereits verschwunden.
Trotzdem manifestierte sich ihr Wille, zu sprechen, in ihrem Stoffkörper.
Ich hörte nichts als Glucksen, doch ich allein kannte dessen Bedeutung.
Dieses Gegluckse, so sagte ihre Schwester mir, trat gestern mehrmals auf; es sei ein eigenartiges, ekelhaftes Geräusch.
Für mich war es jedoch nicht ekelhaft, es war Jeannes Verlangen, um noch mit mir und ihren Angehörigen zu sprechen.
Welch ein Wunder, wie deutlich manifestierte sich ihr Verlangen in dem bereits halb abgelegten Stoffkleid.
Ihr Stoffkörper versagte jedoch; der Geist hatte den stofflichen Träger nicht mehr in seiner Gewalt.
Wie einfach war dieses Problem.
Dann erlebte ich wiederum ein anderes Wunder.
Mein Führer war unerschöpflich.
„Sieh auf die Uhr“, hörte ich Alcar sagen.
Ich tat, was mein Führer verlangte und sah, dass sich die Zeiger erleuchteten und sich zu drehen begannen.
Es war eine große elektrische Uhr, die direkt vor mir an der Wand hing, und deren Zeiger auf Viertel vor zwei wiesen.
Das sah ich mit meinen irdischen Augen, danach nahm ich im Zustand des Hellsehens wahr.
Auf meine Frage in Gedanken, was dies zu bedeuten hatte, blieben die Zeiger stehen.
„Jeanne geht zu der Stunde hinüber, die ich dir anzeigen werde.“
Deutlicher hätte mein Führer nicht sprechen können.
Die Zeiger drehten sich abermals und in langsamem Tempo vorwärts.
Bei sieben Uhr angekommen, blieben sie stehen und doch bewegten sie sich noch.
Kriechend ging es nun vorwärts, bis sie bei Viertel vor acht angelangt waren, als sich alles vor mir auflöste.
Ich verstand und dankte meinem Führer aus tiefster Seele für alles, was ich empfangen und erfahren durfte.
„Gott, mein Vater“, betete ich im Stillen, „ich kann Dir für all dies nicht genug danken, doch ich werde es der Menschheit bekannt geben.
Dies ist mein Dank, Vater!“
Ich blickte noch einmal auf Jeanne, nahm Abschied von ihr und ging hinaus.
Ihre Schwestern erwarteten mich bereits.
„Weint nicht“, sagte ich zu ihnen, „sie ist ein Geist des Lichtes.“
Dass ich noch mit ihr gesprochen hatte, wollte ich ihnen lieber nicht sagen – sie würden es nicht verarbeiten können.
„Sie sehen, dass sie sterben wird“, fuhr ich fort, „daran ist nichts mehr zu ändern.
Auch sie wusste dies schon lange und ich danke Gott, dass ich sie kennengelernt habe, denn sie ist stark und geht voller Freude auf die Reise.
Wenn alles vorbei ist, wollen Sie dann bitte zu mir kommen und mir berichten, ob alles so geschehen ist, wie ich es Ihnen nun sagen werde?
An erster Stelle rate ich Ihnen, hier zu bleiben.
Heute Abend um Viertel vor acht geht sie hinüber.
Sie müssen dies wissen, benachrichtigen Sie also alle anderen.“
Sie versprachen es mir und darauf nahm ich auch Abschied von ihnen.
Tief in Gedanken kehrte ich heim.
Wer würde mir glauben, wenn ich dies später bekannt machen würde?
Der Mensch lacht über Gesetze, die er nicht kennt, und die er erst im Jenseits kennen lernen wird.
Welch ein Morgen!
Wie groß war Alcar.
Wer sollte daran nun denken?
Für den menschlichen Begriff waren es psychische Gesetze von unergründlicher Tiefe, aber wie einfach war doch eigentlich alles.
Mein Leben war schon reich, weil ich all dies erfahren durfte.
Groß waren die Gaben, die ich von Gott empfangen hatte. Der Mensch musste akzeptieren, auch wenn er diese Gesetze nicht begreifen konnte, denn sie waren nicht zu fühlen, dafür musste man in das geistige Leben übergehen.
Jeanne verlangte noch nach mir!
Dieses Gegluckse war wunderbar.
Der Tod war abscheulich, und trotzdem bedeutete er Liebe.
Mein Buch kam heraus, doch Jeanne ging hinüber.
Wie wahr war alles.
Wenn sie es wollen, können die Geister alles sehen und alles über uns wissen.
Zu Hause angekommen, sagte Alcar zu mir: „Dies war allein möglich, weil Jeanne diese geistigen Kräfte besaß.
Diejenigen, die diese Abstimmung also nicht besitzen, werden all das nicht erleben können.“
Ich begriff es, ein Kind konnte es begreifen, wenn es wollte, aber der Mensch wollte nicht.
Der Mediumismus war heilig, denn weil ich Medium war, erlebte ich all dieses Schöne.
Nach vierzehn Tagen kam Jeannes Schwester mich besuchen.
Ich war sehr neugierig, zweifelte aber keinen Augenblick an dem, was sie mir mitteilen würde.
„Ich komme, um Ihnen mitzuteilen“, so begann sie, „dass Jeanne um Viertel vor acht gestorben ist.“
„Wie klar ist alles durchgegeben worden“, dachte ich.
„Wie ist es möglich, dass Sie das im Voraus haben sehen können?“
„Ich sah nichts“, sagte ich, „es sind die Geister, die sehen, wir sind bloß Instrumente.“
„Aber Sie sagten es doch.“
„Das ist wahr; aber mir geht es gerade um das, was die Leute nicht annehmen wollen.
Nochmals: Die Geister sind es, die alles wahrnehmen, diejenigen, mit denen Jeanne nunmehr lebt.“
„Wir sind nun doch froh, dass sie von uns gegangen ist.
Durch ihren Tod habe ich angefangen, anders zu denken, und während ihrer Krankheit habe ich viel gelernt.
O, wie tapfer war sie; wie gut hat sie sich gehalten.
In den letzten Tagen redete sie fortwährend über ihre Reise; sie sah Berge und sprach von ihrer Freundin Greetje.
Ich habe nun angefangen zu glauben, dass es mehr gibt, als wir uns vorstellen können, ich bin erwacht.
Ich dachte stets an Halluzinationen, aber nun weiß ich es wohl besser.
In den letzten Tagen war ich stets an ihrem Sterbebett.
Manchmal sagte sie: „Sieh, dort ist Mütterchen wieder.
Sieh doch, Mutter ist da!
Nein Mutter, sie sieht dich nicht, noch lange nicht, aber ich schon!
Och, das ist zu viel für mich, womit habe ich das alles verdient?
Greetje auch noch?"
Dann lief ich weg und dachte ich, dass sie verrückt würde.
Doch sie wurde nicht verrückt.
Wenn ich so mit ihr alleine war, erzählte sie mir über schöne Dinge.
Sie nannte dann oft Ihren Namen und sagte: „Sieh, so sieht Jozef nun immer.
Ich weiß schon warum ich sehe,
sie kommen mich holen, ja, Schwester, sie kommen mich holen, ich darf auf die Reise gehen – Jozef weiß es."
Sie redete ununterbrochen und erzählte, was um sie herum geschah.
Ich weiß, dass sie das früher auch konnte, doch nun war alles so anders.
Sie sprach wie eine Philosophin, aber sie war auch die Klügste von uns allen.
Als Mutter starb – ich erinnere mich noch als wäre es heute – war es, als wenn es sie nichts anginge.
Wir nahmen es ihr sehr übel.
Darauf sagte sie: „Auch das wirst du noch lernen.
Einst siehst du es, einst fühlst du, dass es keinen Tod gibt."
Und dann erzählte sie vom Spiritismus.
Mir und meiner Schwester wurden die Augen geöffnet.
Eines Morgens sagte sie: „Sieh mal, was Mutter mir gebracht hat."
Ich sah nichts Besonderes und fragte: „Was meinst du, Jeanne?"
– „Siehst du es denn nicht?"
Sie sprach wie ein Kind und mir zog sich das Herz zusammen, als sie es mich fragte.
Ich sagte, dass ich nichts sähe und dachte: „Siehst du, nun wird sie verrückt."
Sofort sagte sie, als hätte sie meine Gedanken aufgefangen: „Meinst du, dass ich verrückt bin?"
Sie können sich nicht vorstellen, wie ich erschrak.
„Nun setz dich mal zu mir“, und sie nahm mich beim Arm und zog mich dicht neben sich.
„Du musst jetzt einmal gut zuhören."
Sie sah mich an, und diesen Blick werde ich nie mehr in meinem Leben vergessen.
„Ich gehe zu Mütterchen."
Da begann ich heftig zu schluchzen.
„Nun mach es mir in meinen letzten Stunden nicht so schwer, komm, sei doch stark."
Sie war die Schwächere und sie musste mich stützen, denn ich fühlte mich wie gebrochen.
„Komm“, sagte sie, „sieh mich mal an und hör zu.
Ich gehe, und ich bin so innig glücklich, dass ich auf die Reise gehen darf.
Und ich weiß, dass ich sein Buch nicht mehr lesen werde, Jozef weiß es auch.
Nun weiß ich, was Mutter und Greetje mir gesagt haben.
Sieh“, – sie wies auf den Tisch – „dort stehen Blumen, geistige Blumen, und diese sind nun allein für mich, da du sie nicht sehen kannst.
Jozef würde sie sehen, aber ich sehe ihn nicht mehr.
O, ich liebe ihn so sehr.
Du musst ihm herzlich danken, wenn ich gestorben bin, und ihm sagen, was ich von ihm halte und was er mir bedeutete."
Als ich es ihr versprach, sagte sie noch: „Wirst du nun keine Angst mehr haben und denken, dass ich verrückt werde?
Ich werde nicht verrückt, Kind.
Ich kann nun wieder sehen, und das hat Jozef durch seine Kraft in mir geweckt, sonst hätte ich nicht gesehen.
Das sagt zumindest Mütterchen."
Geht das, ist das möglich?“
„Ja“, sagte ich, „das ist möglich, aber die Gabe muss vorhanden sein. Jeanne war sehr empfänglich.“
„Dann wollte ich Ihnen noch sagen, dass wir gern Ihr Buch lesen wollen – was sie nicht mehr konnte und so gerne gewollt hätte.
Jeanne hat mir Geld gegeben, um ein Buch zu kaufen.
„Für mich wäre es eine kleine Bibel gewesen “, sagte sie.“
Das rührte mich tief.
So viel Liebe hatte ich noch nicht empfangen.
Wie groß war Jeanne, dass sie daran noch dachte.
„In einer Woche habe ich die Bücher, kommen Sie dann wieder, dann werde ich zur Erinnerung an Jeanne noch etwas hineinschreiben.“
Beide waren wir tief bewegt, ich durch Jeannes Liebe, sie dadurch, weil sie ihre Schwester erst jetzt wirklich kennengelernt hatte.
„Ich würde Ihnen noch so viel erzählen können, doch ich kann nicht mehr.
Sie kannten sie aber besser als wir, und ich werde Jeanne noch mehr lieb haben.“
Jeannes Schwester ging fort, und ich setzte mich nieder und sandte viele liebevolle Gedanken zu ihr.
Ich war um eine Schwester reicher geworden.