Ich entschließe mich, Berufssoldat zu werdenund trete in den Ehestand

Der Militärdienst, der meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, brachte eine große Veränderung in mein Leben.
Aus einem ziemlich zurückgezogenen Dasein fand ich mich plötzlich in einer lebhaften Gemeinschaft von Menschen verschiedenerlei Schlags.
In den ersten Tagen musste ich mich noch an diesen großen Umschwung gewöhnen, aber ich passte mich schnell an und gewann schnell Freunde.
Was ich niemals vermutete hatte, wurde Tatsache: Der Militärdienst gefiel mir vortrefflich.
Das ausgelassene Soldatenleben nahm mich völlig in Anspruch und mir offenbarte sich so viel Neues, dass die Probleme, die mich zu Hause so ernsthaft und ständig beschäftigten, hier in den Hintergrund traten.
Ich, der früher am liebsten zu Hause saß und den Menschen aus dem Weg ging, suchte sie nun auf und zog mit ihnen los.
Als meine Militärzeit sich dem Ende näherte, begann ich ernsthaft darüber nachzudenken, Berufssoldat zu werden. Das eintönige Leben, das mich zu Hause erwartete, reizte mich nicht.
Der Handel zog mich ebenso wenig an, es bedrückte mich einfach, wieder in das Geschäft mit seinen zahlreichen großen und kleinen Belastungen, zurückzukehren.
Die Buchführung, die langweilige, leidige Zählerei würde dann wieder beginnen. Der Gedanke, dies bis zu meinem Tod tun zu müssen, ließ mich schaudern.
Wie anders war doch das Soldatenleben, es war freier, großzügiger, fröhlicher.
Natürlich hatte es auch weniger angenehme Seiten, aber im Großen und Ganzen reizte mich der Militärdienst doch mehr als das Leben hinter der Ladentheke.
Mein Knecht, wusste ich, würde mein Geschäft gerne übernehmen. Das Geld, das ich dafür bekam, konnte ich zurücklegen.
Der Militärdienst garantierte mir ein angemessenes Einkommen, sodass ich auch diesbezüglich den Schritt wagen konnte.
Nichts stand mir also im Weg, Berufssoldat zu werden.
Das Gefühl, das ich nun meinen Lebenszweck gefunden hatte, stimmte mich leicht und fröhlich, und begeistert begann ich mit meiner neuen Aufgabe.
Mein Glück wurde vollkommen, als ich das Mädchen traf, das meine Frau werden würde.
Ich liebte sie auf Anhieb, sofort waren wir uns einig.
Nichts hielt uns davon ab, so schnell wie möglich zu heiraten.
Äußerst glücklich verlief die erste Zeit. Ich fand das Leben schön und angenehm und als uns ein Kind geschenkt wurde, wähnte ich mich der glücklichste Mensch der Welt.
In den ruhigen Abendstunden zu Hause, während meine Frau strickte, kam ich wieder zum Lesen.
In einem großen Koffer auf dem Dachboden hatte ich Vaters Bücher gefunden und begann darin zu lesen.
Unter den Bücher gab es viele, die ich damals nicht gelesen hatte.
Sie waren größtenteils medial empfangen und enthielten die Offenbarungen der Geister über das Jenseits, das Leben, das Sterben, die Hölle und den Himmel.
Für mich eröffnete sich eine neue Welt, oder besser gesagt, eine neue Welt eröffnete sich mir noch mehr.
Ich hatte früher an einem Punkt aufgehört, abgeschreckt durch meine unheimlichen Erlebnisse mit den Séancen. Später, beim Schreiben durch meine Hand, wollte ich nicht weiter in die Welt des Geistes eindringen, wie sie in den Büchern, die Vater sich anschaffte, beschrieben wurde.
Damals hatte ich mehr Wert auf die vernichtenden Erklärungen gelegt, die meine eigenen Bücher über die Erscheinungen gaben.
Und diese hatten mich gegenüber allem, was aus dem Jenseits kam, skeptisch gestimmt.
Nun reizten mich jene Bücher jedoch nicht, keine freie Stunde ließ ich unbenutzt, mit stets größerem Verlangen begann ich in Vaters Büchern zu lesen.
Schöne, spannende Stunden waren dies, tiefer drang ich in jene Welt, in der Vater nun leben musste, und über die er schon während seines Lebens Bilder erhalten hatte.
Während meiner ersten Militärzeit hatte sich mir durch Gespräche mit meinen Kollegen immer wieder gezeigt, wie viele Fragen sie hinsichtlich Gott, des Lebens, des Todes und der Hinterbliebenen beschäftigten.
Und nun las ich in diesen Büchern die Antwort darauf, Antworten, die mich durch ihre Weisheit, Logik und ihren Reichtum überraschten.
Oh, gewiss, auch nun überfiel mich oft genug ein Zweifel, aber er konnte mich kaum oder nicht beeinflussen, denn ich schüttelte ihn von mir ab, allein schon, da ich dachte: Wunderlich ist alles, worüber die Bücher schreiben, aber für mich steht fest, dass ein Mensch sich dies unmöglich selbst ausdenken kann.
Es ist verständlich, dass ich meine Frau an der Freude teilhaben lassen wollte, die der Inhalt von Vaters Büchern in mir wachrief.
Als ich genug wusste, um ihr viel erzählen zu können und um ihr auf eventuelle Fragen antworten zu können, begann ich mit ihr darüber zu sprechen.
Wie groß war nun meine Enttäuschung!
Bereits nach den ersten Sätzen sagte meine Frau, die sich zum protestantischen Glauben bekannte, mir glattweg, dass ich die Bücher liegen lassen solle, sie gehörten nicht in die Hände eines Christen.
Ihre Heftigkeit verwunderte mich. So hatte ich sie noch nie erlebt, und ich fragte sie, wie sie so urteilen könne, da sie den Inhalt der Bücher nicht kenne.
Nun stellte sich heraus, dass sie, durch mein leidenschaftliches Lesen neugierig geworden, gestern einmal in die Bücher geschaut hatte.
Sie hatte sich über die Ketzerei in den Büchern erschrocken, die im krassen Gegensatz zu dem stand, was ihre Kirche sie gelehrt hatte.
Und ihre Muter hatte auch in die Bücher geschaut und sie habe diese Teufelsbücher genannt, die nicht in unser Haus gehörten.
Da ich die Hingabe kannte, mit der sie sich zu ihrem Glauben bekannte, nahm ich ihr ihren Protest nicht übel.
Ich selbst konnte besser als wer auch immer verstehen, dass das Annehmen dieser Bücher nicht von selbst ging.
Ich blieb daher ruhig und sagte ihr, dass ich ihr viel über die Bücher erzählen würde – sie wollte doch wohl zuhören, nicht wahr?
– Nein, sie wollte darüber kein Wort hören, sie lief aus dem Zimmer und ich hörte, dass sie zu Bett ging.
Ihr brüskes Verhalten riss ein Loch in meine Seele. Es würde in der nächsten Zeit ein Riss werden und unser Glück, unsere Harmonie wären dahin ....
Eines Morgens – wir wohnten in der Nähe der Kaserne – wurde ich plötzlich nach Haus getrieben.
Mein Gefühl sagte mir, dass etwas nicht stimmte und zwang mich, nach Haus zu gehen.
Meine Frau stand am Ofen.
Erschreckt schaute sie auf, als ich eintrat.
„Du hier?“ fragte sie und das Blut stieg ihr ins Gesicht.
„Nun?“
Mein Gefühl wurde bestätigt. Hier stimmte etwas nicht.
„Was tust du?“ fragte ich meinerseits und gleichzeitig lief ich auf den Ofen zu.
Sie brauchte mir nichts mehr zu sagen. Ich holte ein halbverbranntes Buch aus dem Feuer.
Meine Gedanken gingen blitzschnell in meine Jugendzeit zurück. Ich sah Vater und Mutter vor mir. Mutter schimpfte über Vaters Bücher und warf ihm ein aus der Hand gezogenes Buch ins Gesicht.
Stand Annie und mir dasselbe Leben bevor, fragte ich mich plötzlich, peinlich getroffen?
Ohne noch ein Wort sagen zu können, ging ich weg, beunruhigt, tief in Gedanken versunken.
Noch wollte ich nicht glauben, dass Meinungsverschiedenheiten in der Lage sein würden, unserem Eheglück ein Ende zu bereiten.
Bald würde ich es besser wissen.
Nach Annie waren es ihr Vater und ihre Mutter, die versuchten, mich vom Lesen der Bücher abzuhalten.
Als auch sie mich nicht überzeugen konnten, dass mein Standpunkt heidnisch war, schickten sie mir zwei Diakone und später den Pfarrer selbst.
Sie erreichten das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigten.
Gerade durch die langen Gespräche verstärkte sich meine Überzeugung, dass meine Bücher Recht hatten, mehr und mehr.
Jedesmal wurde mir deutlicher, wie engstirnig, unlogisch, ja grausam ihre Lehre war.
So viele Themen schnitten wir in unseren Gesprächen an.
Ich führte an, dass Gott, so wie sie Ihn beschrieben, unmöglich ein Vater der Liebe sein konnte.
Kann ein Vater das eine Kind auserwählen und ihm alle Herrlichkeit des Himmels schenken und Sein anderes Kind für ewig verdammen und zur Hölle fahren lassen, fragte ich?
Auf diese und all meine anderen Fragen antworteten sie immer wieder mit einem Achselzucken, dass Gottes Ratschlüsse unergründlich seien.
Auf meine glühende Darlegung, dass Gott nicht eines Seiner Kinder verloren gehen ließe, sondern alle nach Sühnen der von ihnen begangenen Sünden zu ihm zurückkehren würden, erwiderten sie äußerst empört, dass die Bücher, die derartige Theorien verkündeten, heidnisch und ihre Anhänger Ketzer seien.
Das Verhältnis zwischen meiner Frau und mir verschlechterte sich inzwischen mit jedem Tag.
Meine Frau wurde trübsinnig, ging ihren eigenen Weg und sprach nicht mehr als das Allernötigste.
Ich versichere Ihnen, dass ich es darauf nicht ohne weiteres beruhen ließ.
Alles war es mir wert, mit ihr ins Reine zu kommen und die Harmonie unserer ersten Ehejahre wieder herzustellen.
Ich dachte mir immer wieder neue Dinge aus, um sie zu überraschen. Ich versuchte es mit Blumen, mit Nippes, mit Kleidungsstücken, kurz: Ich verwöhnte sie wie noch nie zuvor.
Sie nahm alles mit einem kurzen Lächeln an, gab ihre starre, abweisende Haltung jedoch nicht auf.
Wenn ich das einmal nicht mehr ertrug und ihr Vorwürfe machte, warf sie mir plötzlich heftig und verbissen an den Kopf, dass ich froh sein solle, dass sie hier bliebe, unter einem Dach mit einem Ketzer ...
Ich musste hinnehmen, dass unsere Ehe aufgrund von Glaubensunterschieden scheiterte, durch den Glauben, der uns Menschen gerade miteinander verbinden sollte ...
In diesen Tagen kamen mir die Worte meines Vaters schmerzlich deutlich vor den Geist.
Nun erst begriff ich ihre Bedeutung. „Ich bitte dich noch um Folgendes“, so ungefähr hatte er durch meine Hand geschrieben, „wirst du demnächst gut aufpassen, wenn du deine Hände in die einer anderen legst?
Wisse, was du tust, denke, peile, erfühle, ansonsten wirst du Schläge einstecken müssen.“
Die so plötzlich veränderte Haltung von Annie hatte mich überrumpelt. Die Liebe, die ich in ihr vorhanden glaubte, hatte sich plötzlich in Kälte verwandelt.
Sie ertrug mich und inzwischen wähnte sie sich eine Märtyrerin, die das Schicksal neben einen Heiden, einen Abtrünnigen gestellt hatte.
Hätte ich dies alles nicht vorhersehen können?
Ja, musste ich nun zugeben, hätte ich Vaters Rat befolgt, gewiss.
Annies Kirchlichkeit stammte nicht aus der letzten Zeit. Seitdem ich sie kannte, hatte sie den Kirchgang noch keinen Sonntag versäumt, und wenn ich nun zurückdachte, hatte sie schon mehrere Male ihre Unversöhnlichkeit gegenüber anderen Ansichten auf dem Gebiet des Glaubens bekundet.
Ich hätte dies alles bedenken und ihr meine der von ihr himmelweit unterschiedlichen Ideen mit mehr Überlegung und Takt beibringen sollen.
Ich hätte mir diesen Schlag ersparen können, überlegte ich.
Jedoch, warf ich mir selbst vor, dann hätte ich Annie peilen müssen, ihr in ihrem Denken, Tun und Lassen folgen müssen. Ich hätte sie dann besser verstanden, hätte sie besser auffangen können und wahrscheinlich hätten wir dann eine Übereinstimmung erreichen können, ja näher zueinander gestanden haben.
Ich fühlte, dass ich selbst fürchterlich versagt hatte, dass es für eine Ehe nicht reichte, dem anderen zu sagen: Ich liebe dich, ohne sich auch weiter die Mühe zu nehmen, tiefer auf den anderen einzugehen, was für eine gesunde Harmonie notwendig war, wie mir nun bestürzend deutlich wurde.
Aber dazu wäre es nun noch nicht zu spät, meinte ich hoffnungsvoll.
Ich musste vor allem versuchen, die Kluft zwischen uns beiden zu überbrücken.
Nach reiflicher Überlegung sah ich meinen Weg.
Es würde zu nichts führen.
Meine Versuche, sie mir gegenüber anders zu stimmen, scheiterten.
Sie blieb unversöhnlich und ihre Eltern mit ihr.
Ich fragte sie, was ich tun solle, um für einen anderen, besseren Zustand im Haus zu sorgen.
Diese teuflischen Bücher aus dem Haus geben, antwortete sie, und glauben, was ihre Kirche als die Wahrheit lehrte.
Ich war schon froh, dass sie auf meine Frage einging, denn gewöhnlich lief sie aus dem Zimmer, wenn ich dieses Thema aufgriff.
„Meine Bücher wurden nicht vom Teufel geschrieben, Annie, glaube mir doch.
Sie lehren gerade, dass wir Menschen uns Gott zuwenden, ihn lieb haben sollen.
Auch wird darin beschrieben, dass wir unsere Nächsten lieben sollen.
Darum möchte ich nicht, dass wir so kalt nebeneinander her leben.
Tu mir den Gefallen und lese einmal in einem dieser Bücher, auch wenn es nur einige Kapitel sind.
Das kann dir doch nicht schaden?
Und vielleicht denkst du dann anders darüber.
Tue es für mich, deine Liebe zu mir kann doch nicht gestorben sein?
Nein, sie schüttelte ganz energisch mit dem Kopf, in den Büchern würde sie nicht lesen.
Sie läse nur das, was ihr die Kirche zu lesen gäbe, und ihre Kirche wisse es.
Wie sie sich so sicher sei, dass nur ihre Kirche es wisse?
Diese Kirche bestünde bereits jahrhundertelang, war ihre Antwort.
Große Gelehrte würden akzeptieren, was sie lehre, Millionen von Menschen hätten sich ihr angeschlossen.
Und die würden sich alle irren?
Nein, nur du weißt es, fügte sie abfällig hinzu.
Sie wolle kein Wort mehr darüber hören, ich kenne nun ihre Forderung.
Ich versuchte es noch auf eine andere Weise und sagte: „Deine Kirche, an die du so glaubst, lehrt dich doch auch, dass du deine Nächsten lieben sollst, wie dich selbst, und dass du ...“
Das Zuschlagen der Tür war ihre Antwort.
Einige Zeit später wurde Annie ernsthaft krank, so sehr sogar, dass der Doktor um ihr Leben bangte.
Aus einer Lungenentzündung war eine Rippenfellentzündung entstanden.
Wie wenig Glauben zeigten Annie und ihre Eltern in diesen Wochen.
Von ihrem Glauben, dass Gott sie nach ihrem Sterben erwarten und sie für ewig in seiner Heiligkeit weilen würde, war im Angesicht des Todes wenig übriggeblieben.
Eine grausame Angst zu sterben, hielt sie gefangen.
Wie anders war Vaters Haltung gegenüber dem Tod gewesen, musste ich denken, als ich ihre Verzweifelung, ihre Angst sah.
Sie hatte stets verkündet, dass sie zu den Auserwählten der Kirche gehöre, sie wisse, sagte sie, und sie hätte nach diesem Wissen gelebt, aber nun, da Gott, wie es schien, sie zu sich rief, war von ihrer Sicherheit nichts mehr übrig und fürchtete sie die erneute Vereinigung mit ihm.
Anstatt bereit zu sein, zu sterben, und sich darüber zu freuen, dann ihren Gott zu sehen, bat und bettelte sie, noch etwas länger leben zu dürfen.
Vater sagte auch, dass er wisse, aber dem entsprach auch seine Haltung, ruhig und in Demut hatte er sich auf sein Hinübergehen vorbereitet.
Für ihn besaß der Tod nichts Schreckliches, da er wusste, was ihm an der anderen Seite des Grabes erwartete.
Ich sprach mit Annie, versuchte sie zu beruhigen, ihr Mut und Vertrauen zuzusprechen.
Ich sagte ihr, dass es noch gar nicht sicher sei, dass sie sterben würde.
Gott allein wisse es.
Sie solle ihr Leben daher in seine Hand legen und nicht klagen und jammern.
Auch solle sie bedenken, so sagte ich, dass der Tod eigentlich nicht bestünde und sie im Jenseits weiterleben würde, dass sie lieber beten und sich voller Vertrauen ihrem Göttlichen Vater hingeben solle, der weder sie noch irgendeines Seiner Kinder verdammen würde.
Wirklich, Annie hörte zu und beruhigte sich etwas.
Die Krise erreichte ihren Höhenpunkt.
Meine Schwiegereltern rangen sich verzweifelt die Hände, ihre Tochter durfte sie nicht verlassen.
Sie war das einzige Kind, das sie hatten.
Gott musste sie hier lassen, ihre Tochter musste leben ...
Ich fragte auch sie, wo ihr Vertrauen war und ihre Ergebung in Gottes Ratschlüsse, die sie als gute Christen doch zu besitzen hätten.
Bissig war ihre Antwort: Ich sei wohl der letzte, der hier das Recht hätte, Fragen zu stellen, wie ich es eigentlich wagen würde, das Wort Gottes in den Mund zu nehmen.
Übrigens, so sagten sie, wüssten sie sehr gut, warum ich so ruhig bliebe und keinen Verdruss über das mögliche Hingehen meiner Frau zeige. Ich würde sie schließlich hassen und danach lechzen, wieder ein freier Mann zu sein.
Bei diesen Worten hatte ich viel Mühe, mich zu beherrschen.
So wurden meine Worte also missverstanden, so mein Vertrauen und meine Ergebung ausgelegt.
Was für eine Gemeinheit und ein Missverstehen sprach eigentlich aus ihren Worten!
Was wussten sie von meinen Gefühlen für Annie, meinem ernsten Willen, die Disharmonie zwischen uns in Glück und Liebe zu verwandeln.
Mein Schwiegervater war Kirchenältester seiner Kirche, wie konnte er nur so lieblos sprechen ...!
Annie litt schreckliche Schmerzen. Ich war für einen Moment allein mir ihr und plötzlich überfiel mich das Gefühl, dass ich ihr helfen konnte.
Ich nahm ihre Hände in die meine und sprach inzwischen sehr ruhig auf sie ein.
Plötzlich fühlte ich deutlich ihre Schmerzen.
Vaters Worte, die er während seines Krankenlagers sprach, kamen mir vor den Geist.
„Du kannst Menschen heilen.
Aus deinen Händen strahlt eine Kraft, die heilend wirkt.“
Ich dachte nun sehr stark an Vater und bat ihn, mir zu helfen, wenn er könne.
Und innig bat ich zu Gott und flehte ihn an, mir die Kraft zu schenken, die Annie heilen konnte, wenn dies sein Wille sei.
In übergroßer Dankbarkeit sah ich etwas später, dass Annie, die wegen ihrer Schmerzen schon nächtelang kein Auge zugetan hatte, in Schlaf gefallen war.
Der Doktor schaute am nächsten Morgen drein, als sei ein Wunder geschehen.
Meine Frau sah erheblich besser aus, fand er. Er verstand den schnellen Umschwung nicht sehr gut.
Auch in den nächsten Tagen nahm ich Annies Hände in die meinen und sandte ihr so Kraft.
Deutlich fühlte ich, dass Vater bei mir war und mir half.
Und nach einiger Zeit erklärte der Doktor, dass sie außer Lebensgefahr sei.
In meiner Freude erzählte ich Annie, wie ich ihr hatte helfen können, nannte die Genesung ein Wunder, bei der das Jenseits, das stand für mich fest, die Hand im Spiel gehabt haben müsse.
Ich erzählte es ihr begeistert und ausführlich, in der Hoffnung, dass dieses Geschehen sie auf andere Gedanken bringen würde.
Ich täuschte mich schrecklich. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen und sie fauchte mich an, dass es gemein von mir sei, sie in jene Welt zu ziehen, sie wolle mit diesem Kram nichts zu tun haben, durch das Teufelsgetue wolle sie nicht gesund werden!
Jedes ihrer Worte traf mich wie ein Stein, mit dem sie die Trennwand zwischen uns abermals höher zog.
Nun, da sie wieder außer Lebensgefahr schwebte, vergaß Annie ihre Angst vor dem Tod,
aber ich konnte ihre Einstellung nicht so einfach vergessen.
Es zeigte sich, dass weder Annie noch ihre Eltern auf das Sterben vorbereitet waren,
aber wie viele sind das schon, fragte ich mich.
Was half es, wenn man treu zur Kirche ging, sich dort den Geist mit biblischen Sprüchen vollstopfen ließ, mit Worten, wenn Gott einem damit trotzdem weit, fremd und bedrohlich blieb, wenn das ewige Leben, über das einem so viel herrliche Dinge erzählt wurden, dennoch erschreckender als das irdische erschien, sodass man wie ein Tier kämpfte, es behalten zu dürfen?
Wie wenig lebendig, wenig überzeugend musste die Lehre der Kirchen sein, dass der größte Teil ihrer Gläubigen nach zwanzig Jahrhunderten seine Angst vor dem Tod, vor Gott und vor dem ewigen Leben noch immer nicht besiegt hatte ...
Desto dankbarer dachte ich an die milden, ja großartigen Verkündigungen, wie ich sie in meinen spiritualistischen Büchern gefunden hatte, welche die Furcht vor dem Tod vollkommen nahmen, uns Gott als einen liebevollen, strikt gerechten Vater zeigten, vor dem keines Seiner Kinder Angst zu haben oder zu zittern brauchte, wahrhaftig ein Gott in all Seinem Wirken!
Und größer denn je wurde mein Verlangen, Annie für diesen Gedanken zu gewinnen, ihr so die Angst vor dem Tod zu nehmen, sodass sie demnächst besser vorbereitet in das ewige Leben eingehen könnte.
Dass Vaters Vorhersagen über meine Gabe, Kranke zu genesen, richtig war, zeigte sich mir bald danach zum zweiten Mal.
Ein Bekannter von mir hatte in seiner Familie immer wieder mit Krankheiten zu kämpfen. Seine zwei Kinder lagen bereits seit geraumer Zeit im Bett und klagten über ihre Bäuchlein, ohne dass der Doktor eigentlich wusste, was ihnen fehlte.
Auch seine Frau befand sich in keiner guten Verfassung.
Als ich ihn einmal besuchte und ihm von dem Umschwung erzählte, den die Krankheit meiner Frau durch meine Behandlung genommen hatte, fragte er mich, ob ich seine Kinder nicht auch einmal behandeln wolle.
Er führte mich zu den Kinderbettchen und plötzlich überfiel mich dasselbe Gefühl wie damals an Annies’ Krankenlager: Dass ich helfen konnte, Genesung bringen konnte.
Mein Glück kannte keine Grenzen als die Bauschmerzen der Kinder verschwanden und ihre Farbe und Heiterkeit in sie zurückkehrte.
Auch die Frau befreite ich von ihren Schmerzen.
In diesen Tagen schwebte ich mehr als ich lief. Meine Freude verlieh mir Flügel.
Und immer wieder dankte ich Gott, dass er es mir ermöglichte, anderen zu dienen und zu helfen.
Wie herrlich ist es, zu geben, durchfuhr es mir in jenen Tagen, was für ein freies, frohes Gefühl lässt das Herz dann schneller schlagen!
Inzwischen waren die Familie und ich uns näher gekommen.
Ich wurde ein Freund des Hauses. Und nun zeigte sich mir, wie schlecht die Umstände waren, in denen sich diese Familie befand.
Durch geschäftliche Rückschläge hatten sie Schulden machen müssen, deren Tilgung fast das gesamte Geld schluckte, das sie für ihren Lebensunterhalt benötigten.
Dann kamen mir die Worte von Vater vor den Geist, vor langer Zeit gesprochen.
„Wir müssen anderen helfen, so viel wir können.
Dies ist eine Christenpflicht.
Wisse nur, das es eine Kunst ist, zu geben,
denn nicht alle, die darum bitten, sind es wert, geholfen zu werden.
Es ist eine Kunst, sagen die Meister an dieser Seite, denn oft machen wir die, denen wir helfen, schlechter anstatt besser.
Gebe daher mit voller Hand, Theo, hänge dich niemals an Besitz.
Gib, wenn du geben musst, aber halte dein Portemonnaie geschlossen, wenn du auf deinem Weg einen Dieb triffst.“
Diese Menschen verdienten Hilfe,
sie versagten sich das Allernotwendigste, nur um ihre Schulden zu tilgen und klagten dennoch nicht.
Ich half ihnen und genoss als die Sonne wieder in ihren Herzen schien.
Begierig lasen sie meine Bücher und während unserer gegenseitigen Besuche gingen wir tiefer auf die geistigen Themen ein, sodass es lehrreiche Stunden wurden.
Annie, die kein Bedürfnis nach Freunden hatte, und nur ihre Eltern besuchte und empfing, entwich ihnen soweit wie möglich.
Eines Tages kam es zu einem Konflikt zwischen ihr und mir.
Da ich mich versprach, bekam sie zu hören, dass ich diesen Menschen mit Geld geholfen hatte.
Sie wurde zur Furie.
„Was?“ schrie sie, „glaubst du, dass ich für diese Leute so sparsam bin, für diese Nichtstuer, diese Faulenzer, die nicht einmal in der Lage sind, ein Geschäft zu betreiben!“
Ich fragte sie, ob sie denn in ihrer Kirche nie diese Worte von Christus gehört hätte: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir angetan.“
„Sie sind Ketzer, genau wie du!“
Und diese im leidenschaftlichen Ton ausgerufenen Worte sollten ihre Einstellung erklären.
Sie zeigte mir ihre Verbitterung mir und meinen Büchern gegenüber, sie ließ mich den Abgrund sehen, der bereits zwischen ihr und mir bestand.
Entmutigter denn je ging ich aus dem Haus, in die Natur.
Ich fragte mich, was doch nur die Ursache dafür sei, dass sie und ihre Eltern Andersdenkenden so feindlich, so unversöhnlich gegenüberstünden.
Und ich glaubte, dass Folgendes die Ursache war: Sie wähnten sich durch die Autorität ihrer Kirche die auserwählten Kinder Gottes und jeder, der sich nicht zu ihrem Glauben bekannte, war ein Ketzer.
Diese Meinung schuf einen Abstand zwischen den Menschen, überdachte ich, der niemals zu überbrücken sein würde.
Wie konnten die Menschen, die Völker jemals lernen, sich zu verstehen, wenn sie sich durch derartig schreckliche Ideen voneinander entfernen ließen?
„Du machst aus meinem Leben eine Hölle“, wie oft hatte sie dies nicht schon zu mir gesagt.
Tat ich das, oder war sie selbst die Ursache dafür, das es so wurde?
Sollte ich ihr etwa ihren Willen lassen und meine Bücher aus dem Haus schaffen und alles aus meinem Herzen schneiden, was diese Bücher mir an Lebensweisheit, an Ruhe, an Freude geschenkt hatten?
Sollte ich dies jemals können!
War es falsch, dass ich mich trotz ihres Widerstands zu meinem Glauben bekannte, Freunde um mich sammelte, für welche die Bücher, genau wie für mich, geistige Nahrung bedeuteten?
Dann verfolgte ich jedoch unsere Handlungen.
Sie hasste Andersdenkende und machte ihnen mit ihrem eingebildeten Auftreten, ihrem frostigen Schweigen, nur hin und wieder durch stachelige Bemerkungen gefolgt, das Leben sauer.
Ich hasste sie nicht, suchte sie hingegen gerade immer wieder auf, gab ihr Beweise meiner Liebe und achtete darauf, sie nicht in ihrem Glauben zu verletzen.
Sollte ich ihr in diesem Hass folgen?
Was hatte sie für andere übrig?
Unerfreuliche Szenen hatte sie gemacht, als sie entdeckte, dass ich anderen mit Geld geholfen hatte.
Sollte denn auch ich mein Herz vor der Not meiner Mitmenschen verschließen?
Und war es gut, sich so abzusondern, den Menschen so aus dem Weg zu gehen, wie sie es tat?
War dies nicht Armut?
Nichts war sie für andere, nichts konnte sie geben. Sie suchte es in ihrem schön herausgeputzten Zimmer und bei ihren Eltern.
War man nicht gerade verpflichtet, mit anderen umzugehen, ihnen Liebe zu geben, ihre Herzen zu suchen?
Nein, tausendmal Nein, ich durfte ihr nicht folgen, ich gab meine Bücher nicht weg.
Lieber wollte ich ihr ein Beispiel sein, ihren Respekt erzwingen. Einst würde sie einsehen, dass ich kein Ketzer war, sondern das ich an einen Gott glaubte und versuchte, ihm zu dienen.
Um sie von meinem guten Willen zu überzeugen, legte ich ihr eines Tages viertausend Gulden in die Hand.
Befremdet und fragend sah sie auf.
Ich sagte daraufhin, dass ich ihr die Hälfte meines Geldes geben wolle, um zu beweisen, wie wenig ich ihr versagen wolle.
Sie könne damit tun, was sie wolle, wenn sie mir verspräche, mir keine Vorwürfe mehr zu machen, sollte ich anderen etwas von meinem Geld geben.
Ihre Freude zu sehen, versetzte mir einen stechenden Schmerz.
Sie steckte das Geld nicht sofort weg, sondern legte Schein für Schein auf den Tisch. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah ich sie fröhlich lachen ...
Ich erreichte mit dieser Gebärde wenig beziehungsweise nichts.
Sie hielt sich jedoch an ihren Teil unserer Vereinbarungen und schimpfte nicht mehr, wenn ich anderen half.
Sie gab ihren Missmut nun jedoch auf andere Weise zu kennen und zwar, indem sie ein langes Gesicht zog, das mit jedem Tag länger wurde.
Wie kalt und leer und arm unser häusliches Leben war, wurde mir noch deutlicher, als ich das Verhältnis sah, das zwischen meinem Freund und seiner Frau bestand.
Welch ein herrliches und enges Band hatten die beiden!
Wie unglaublich schön ist die Ehe, wenn sich zwei Menschen verstehen.
Diese zwei hatten einander lieb, gönnten einander alles, nichts war ihnen zu viel, um dem anderen Freunde zu bereiten.
Sie verstanden einander, ohne ein Wort sagen zu brauchen.
Sie hatten Achtung und reine Ehrfurcht vor einander und Gott muss seine Freude daran gehabt haben, ihnen zu folgen.
Als ich sie verließ und in meinen Eiskeller zurückkehrte, ging es mir oft sehr schlecht.
An einem dieser Abende habe ich lange mit Annie gesprochen und sie beschworen, doch endlich eine andere Haltung mir gegenüber einzunehmen.
„Du liebst deinen Vater und deine Mutter“, so sagte ich, „kannst du nicht dasselbe für mich empfinden?
Ich bin dein Mann, ich liebe dich, will alles tun, um dich glücklich zu machen.
Kannst du mir denn nicht ein bisschen Liebe geben?
Hast du früher mal eine Freundin gehabt?
Natürlich hattest du eine.
Nun, konntest du ihr gegenüber so eigensinnig sein?
Hast du sie zur Tür verscheucht?
Redetest du mit ihr tagelang kein Wort?
Warum gehst du mit mir dann so um?
Behandle mich zumindest als einen Freund, sei ein echter Kamerad für mich und das Leben wird noch gut für uns.
Meine Bücher seien Schuld, sagst du.
Lass mich doch.
Sei einmal großzügig, ich greife dich nicht an, störe dich doch nicht an meinen Büchern.
Sie stecken mich an, sagst du, und wer sie liest, holt sich den Teufel in sein Herz.
Sieh dir doch einmal meine Freunde an, auf die du so schimpfst.
Handeln sie teuflisch?
Sie haben schreckliche Armut gelitten, aber sie klagten nicht, sie wollten, so sagten sie, ohne Wehgeschrei annehmen, was Gott ihnen auferlegte.
Immer wieder nehmen sie es zusammen, hörst du, zusammen gegen das Leid auf. So ertragen sie und inzwischen wächst ihre Liebe füreinander stets weiter.
Und nun haben sie ihr ältestes Kind verloren und dennoch fluchen sie nicht, auch klagen sie Gott nicht an.
Sie fügen sich und machen einander Mut.
Sieh, das ist Kraft, von der etwas ausgeht.
Das sind Christen, das ist eine Ehe!“
„Gott hat sie gestraft, das ist was anderes!
Soll ich noch mehr tun, als für dich zu beten, dass Gott auch dich eines Tages nicht bestrafen wird?
Soll ich etwa froh sein und dir um den Hals fallen, weil du an seiner Kirche vorbeiläufst?“
Wie könnte ich je den Wall niederreißen, den sie in ihrem fanatischen Unglauben gegen mich errichtet hatte?
Sah sie denn nicht selbst ein, dass sie ihrem Gott unmöglich mit ihrem verbissenen, lieblosen Verhalten dienen konnte?
Fragen, auf die ich in diesem Leben keine Antwort mehr erhalten sollte.
Nach meiner Beförderung zum Feldwebel wurde ich von Amersfoort nach Arnhem versetzt.
Ihre Eltern zogen inzwischen nach Rotterdam.
Ich hatte begründete Hoffnung, dass Annie ihre Haltung ändern würde, nun da sie nicht mehr unter den Flügeln ihrer Eltern stand, und dass sie mir in dieser neuen Umgebung näher kommen würde.
Aber auch diese Hoffung stellte sich als trügerisch heraus. Eine fremde Macht hielt ihr Herz vor mir verschlossen.
Doch brachten die Jahre in Arnhem mir großes, inniges Glück.
Ich lernte die Bücher kennen, die von Meister Alcar und von Ihnen, dem Instrument, durch das ich nun schreiben darf, auf die Erde gebracht wurde.
Wie unsagbar viel haben mir diese Bücher gegeben!
Wie sehr habe ich die Beschreibungen über die Reisen, die Sie mit Ihrem Meister durch die Himmel und Höllen machten, genossen!
Welch einen niederschmetternden Eindruck hinterließ der Geist Lantos mit seiner Geschichte über sein Leben auf Erden, seinem Selbstmord und seiner Ankunft und seinem Aufenthalt im Land des Jenseits auf mich!
Wie groß war mein Glücksgefühl, meine Dankbarkeit, als ich in den drei Büchern über ‚Die Entstehung des Weltalls’ lesen durfte, wie Gott die Welt, die Planeten, die Menschen und die Tiere erschuf. (Dieses Buch erschien ursprünglich in drei gesonderten Teilen.)
So viel mehr wurde mir über das Leben hier auf Erden und in den astralen Welten deutlich.
Und mit einem Schock verstand ich, dass das, was Meister Johannes, Angelika also, uns einmal erzählte, durch Ihre Bücher bestätigt wurde.
Dann kam mir die Idee, zu Ihnen zu reisen. Mein Verlangen, Sie, der dies Mächtige erleben durfte, kennen zu lernen, trieb mich.
Leider gelang es mir nicht, mich frei zu machen.
Es war einen Monat vor Ausbruch des Weltbrands und die Spannungen der internationalen Lage hielten uns, Soldaten, in den Kasernen fest.
Wie wenig konnte ich damals vermuten, unter welchen Umständen ich Sie dennoch einst treffen sollte ...